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"Herr, sei gelobt, weil du mich erschaffen hast"
Leben der Heiligen Klara - Thomas von Celano, 2. Buch
II. Buch
Die Wunder der heiligen Klara nach ihrem Abschied von der Welt
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Dies sind die wunderbaren Zeichen und die verehrungswürdigen Zeugnisse der
Wunder, die in der Heiligkeit des Lebenswandels und in der Vollkommenheit der
Werke begründet sind. Johannes hat zwar keine Wunder gewirkt, jedoch werden
die Menschen, die Wunder wirken, nicht heiliger sein als Johannes. Deshalb würde
zum Beweis für die Heiligkeit der heiligen Jungfrau Klara die Verkündigung
ihres überaus vollkommenen Lebens genügen, wenn nicht inzwischen teils die
Lauheit, teils die Verehrung der Leute etwas anderes fordern würde. Deshalb
wurde Klara schon zu Lebzeiten durch ihre Verdienste und dann, in den Abgrund
ewiger Klarheit versenkt, nichtsdestoweniger auch durch das Licht der Wunder in
aller Welt wunderbar berühmt. Es zwingt die lautere und verbürgte Wahrheit,
vieles aufzuzeichnen, die Menge des Materials aber, sehr viel zu übergehen.
Befreiung von Besessenheit
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Ein Knabe namens Jakobinus von Perugia schien weniger körperlich krank, als
von einem sehr schlimmen Dämon besessen zu sein. Denn bald stürzte er sich
verzweifelt ins Feuer, bald fiel er zu Boden, bald biß er bis zum Brechen der
Zähne in Steine. Ganz jämmerlich zerschlug er dabei seinen Kopf und
besudelte seinen Leib mit Blut. Er verdrehte den Mund, ließ die Zunge
heraushängen und ballte seine Glieder so leicht zu einem Knäuel zusammen,
daß er oft sein Bein über den Hals legte. Zweimal am Tage quälte den Knaben
diese Tollheit. Nicht einmal zwei Personen konnten ihn so bändigen, daß er
nicht die eigenen Kleider auszog. Man suchte Hilfe bei erfahrenen Ärzten,
aber man fand keinen, der Rat gewußt hätte. Sein Vater namens Guidolotus
wandte sich, nachdem er bei den Menschen für solches Unglück kein Heilmittel
gefunden hatte, an die Verdienste der heiligen Klara. "O heiligste Jungfrau",
betete er, "der Welt verehrungswürdige Klara, dir weihe ich mein
unglückliches Kind, von dir erbitte ich in heißem Flehen seine Gesundheit."
Er eilte voll des Glaubens an ihre Grabstätte, legte den herbeigebrachten
Knaben auf ihr Grab und, noch während er betete, erlangte er plötzlich
Hilfe. Sofort nämlich war der Knabe von seiner Krankheit frei und wurde
ferner von keinem ähnlichen Leiden mehr geplagt.
Ein anderes Wunder
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Alexandrina von Fratta in der Diözese Perugia war von einem sehr bösen Dämon
heimgesucht. Er hatte sie so in seine Gewalt gebracht, daß er sie über einen
hohen Felsen, der über ein Flußufer hinausragte, wie ein Vöglein hin- und
herfliegen ließ. Er ließ sie über einen ganz dünnen, in den Tiber hineinhängenden
Ast herabsteigen und das wie zum Spiel betreiben. Als auch wegen ihrer Sünden
die linke Seite gänzlich gelähmt und die Hand verkrüppelt war, nützten die
oft angewandten Heilmittel nichts mehr. Da ging sie zerknirschten Herzens an das
Grab der glorreichen Jungfrau Klara, rief ihre Fürbitte an und fand gegen jene
dreifache gefährliche Krankheit Heilung. Die verkrüppelte Hand streckte sich nämlich
aus, die Seite war geheilt und die Besessene wurde vom Dämon befreit.
Eine andere Frau desselben Ortes erhielt zu gleicher Zeit vor dem Grab der
Heiligen das Geschenk der Befreiung von einem Dämon und von vielen Schmerzen.
Heilung von Tobsucht
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Ein junger Mann aus Frankreich, der sich im Gefolge des päpstlichen Hofes
befand, wurde von der Tobsucht befallen, die ihn des Gebrauches der Sprache
beraubte und seinen Körper in eine ungeheuere Unruhe versetzte. Von niemandem
konnte er irgendwie festgehalten werden, vielmehr wand er sich entsetzlich in
den Händen derer, die ihn halten wollten. Mit Stricken band man ihn auf eine
Tragbahre. Landsleute brachten ihn wider seinen Willen in die Kirche der
heiligen Klara und stellten ihn vor ihrem Grabe nieder. Sofort wurde er um
des Glaubens seiner Begleiter willen vollkommen befreit.
Befreiung eines Mannes von der Fallsucht
Valentinus von Spello litt so sehr an Fallsucht, daß er sechsmal am Tage,
ganz gleich, wo er sich befand, umfiel. Außerdem konnte er infolge einer Verkürzung
eines Schenkels nicht ungehindert gehen. Man führte ihn auf einem Esel zum Grab
der heiligen Klara, wo er zwei Tage und drei Nächte lag. Am dritten Tag aber -
niemand berührte ihn - krachte sein Bein, als ob es zerbreche, und er wurde auf
der Stelle von beiden Krankheiten geheilt.
Ein Blinder, der sehend wurde
Jakobellus, der Sohn einer Spoletanerin, war zwölf Jahre mit Blindheit geschlagen. er benötigte
zum Gehen einen Führer; ohne Begleiter konnte er nicht gehen, sonst stürzte
er ins Verderben. Denn als er einmal von dem ihn führenden Knaben ein wenig
allein gelassen war, fiel er und trug einen Armbruch und eine Kopfverletzung
davon. Als Jakobellus eines Nachts neben einer Brücke in Narni schlief,
erschien ihm im Traum eine Frau, die zu ihm sagte: "Jakobellus, warum kommst
du nicht zu mir nach Assisi, um geheilt zu werden?" Des Morgens beim
Aufstehen erzählte er zwei anderen Blinden zitternd das Gesicht. Sie
antworteten ihm: "Neulich hörten wir, daß eine hohe Frau in der Stadt
Assisi gestorben sei. Ihr Grab soll die Hand des Herrn durch Heilungsgnaden
und viele Wundertaten verherrlichen." Daraufhin machte er sich unverdrossen
und eilig auf den Weg und kehrte des Nachts bei Spoleto ein. Dort sah er
wieder das gleiche Gesicht. Noch schneller eilte er, ja, aus Liebe zu seinem
Augenlicht begann er vollends zu laufen.
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Als er nach Assisi kam, fand er vor dem Grabmahl der Jungfrau solche
Volksmassen versammelt, daß er unter keinen Umständen an ihr Grab
herankommen konnte. Voll Schmerz, weil er keinen Zugang zu finden vermochte,
nahm er einen Stein als Kopfkissen und schlief in großem Glauben vor dem
Eingang ein. Und siehe, zum dritten Male erging an ihn die Stimme: "Der Herr
wird dir Gutes tun, Jakobus, wenn du eintreten kannst." Er erwachte und bat
unter Tränen die Scharen, indem er mit lautem Rufen seine Bitte wiederholte,
man möchte ihm doch um der Liebe Gottes willen den Weg freigeben. Als ihm der
Weg offenstand, legte er seine Schuhe ab, zog die Kleider aus, legte einen
Riemen um seinen Hals und berührte demütig das Grab. Dann fiel er in einen
leichten Schlaf. "Steh auf", sagte zu ihm die selige Klara, "steh auf,
denn du bist erlöst." Sogleich erhob er sich. Alle Blindheit war verbannt,
jegliches Dunkel von den Augen genommen. Klar sah er durch des Lichtes
Klarheit. Da pries er Gott lobsingend und lud alle Leute ein, Gott zu
lobpreisen für solch ein wunderbares Werk.
Wiederherstellung einer zerschmetterten Hand
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Ein Mann aus Perugia namens Bonus Johannes Martini zog mit seinen Mitbürgern
gegen die Bewohner von Foligno. Bald kam es zu einem schweren Gefecht. Ein
Stein, der ihn dabei traf, zerschmetterte ihm mit hartem Schlag die Hand. Seiner
Gesundheit zuliebe gab er viel Geld an Ärzte aus. Aber keine ärztliche Kunst
konnte ihm soweit helfen, daß er wieder eine gebrauchs- und arbeitsfähige Hand
bekam. Betrübt darüber, daß sie, gebrauchsunfähig, nicht wie seine Rechte
Lasten tragen konnte, wünschte er sich öfters, sie möchte ihm ganz abgenommen
sein. Wie er aber vernahm, was der Herr durch seine Dienerin Klara zu zeigen
sich würdigte, tat er ein Gelübde, eilte zum Grab der Jungfrau, opferte ein
Abbild seiner Hand aus Wachs und legte sich dann über das Grab der heiligen
Klara. Und sofort, noch bevor er aus der Kirche ging, war seine Hand gesund.
Heilung von Krüppeln
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Petriolus aus der Stadt Bettona war durch eine dreijährige Krankheit
aufgerieben. Er schien fast ganz aufgezehrt von diesem langen Siechtum. So
heftig war diese Krankheit, daß er in den Lenden keine Kraft mehr hatte und,
immer krumm und zur Erde gebeugt, kaum mit einem Stock sich vorwärts bewegen
konnte. Der Vater des Knaben versuchte es mit der Geschicklichkeit vieler
Ärzte, besonders solcher, die Erfahrung in der Heilung von Knochenbrüchen
hatten. Er war bereit, sein ganzes Hab und Gut für die Wiederherstellung der
Gesundheit seines Sohnes auszugeben. Als ihm aber alle Ärzte bedeuteten,
keine Kunst sei imstande, jener Krankheit abzuhelfen, wandte er sich der
Fürbitte der neuen Heiligen zu, von deren Wundertaten er gehört hatte. Er
brachte den Knaben an den Ort, wo der kostbare Leichnam der Jungfrau ruhte.
Gar nicht lange lag er vor ihrem Grab, als er die Gnade voller Gesundheit
erhielt. Sofort stand er auf, gerade und gesund. Er ging, sprang umher, lobte
Gott und lud das zusammenströmende Volk zum Lob der heiligen Klara ein.
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Ein zehnjähriger Knabe auf dem Landgut S. Quirico in der Diözese Assisi war
von Geburt an lahm. Er hatte ganz dünne Beine, warf die Füße beim Gehen
übereinander, konnte nur gekrümmt gehen und, wenn er hinfiel, kaum
aufstehen. Seine Mutter hatte ihn schon mehrere Male dem heiligen Franziskus
gelobt, doch keine Hilfe und Besserung erlangt. Als sie aber hörte, die
selige Klara erglänze in neuen Wundern, brachte sie den Knaben an Klaras
Grab. Nach einigen Tagen wurden unter dem Krachen der Schienbeine die Glieder
wieder natürlich gerade. Und was der heilige Franziskus, in vielen Gebeten
angefleht, nicht erwiesen hatte, seine Jüngerin Klara hat es durch die Kraft
Gottes zugestanden.
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Jakobus de Franco, ein Bürger aus Gubbio, hatte einen fünfjährigen Sohn,
der wegen kraftloser Füße niemals gegangen war, ja überhaupt nicht gehen
konnte. Er beklagte seinen Sohn als ein Scheusal seines Hauses und als Schande
seines Geschlechtes. Dieser lag auf dem Fußboden, kroch im Staub umher, und
wenn er sich bisweilen aufrichten wollte, war er dazu nicht imstande. Die
Natur hatte ihm zwar die Sehnsucht, aber nicht das Vermögen zum Gehen
verliehen. Die Eltern gelobten das Kind den Verdiensten der heiligen Klara und
wollten - um es mit ihrem eigenen Ausdruck zu sagen -, daß es ein "Mann der
heiligen Klara" sei, wenn es durch sie die Gesundheit erlangt habe. Sofort,
nachdem das Gelübde gemacht war, heilte die Jungfrau Christi "ihren Mann".
Sie stellte den ihr geweihten Knaben wieder her, so daß er frei gehen konnte.
Auf der Stelle eilten die Eltern mit dem Knaben an das Grab der Jungfrau und
brachten ihn, der vor Freude hüpfte, dem Herrn dar.
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Eine Frau aus Bevagna mit Namen Pleneria litt schon lange an einer Kontraktur
der Lenden und konnte nur auf einen Stock gestützt gehen. Sie vermochte
jedoch mit Hilfe des Stockes ihren gekrümmten Körper nicht aufzurichten; sie
brachte es nur zu einigermaßen schwankenden Schritten. An einem Freitag ließ
sie sich an das Grab der heiligen Klara bringen. Voller Hingabe schüttete sie
gleichsam ihre Bitten vor ihr aus und erlangte schnell, was sie gläubig
erbeten. Am folgenden Tag, es war Samstag, kehrte sie, die sich von anderen
hatte herbeitragen lassen müssen, allein zu Fuß nach Hause zurück, nachdem
sie ihre volle Gesundheit erlangt hatte.
Heilung von Halsgeschwulsten
Ein Mädchen aus
Perugia hatte schon lange sehr schmerzliche Halsschwellungen, die man in der
Volkssprache Skrofeln nennt. Man zählte in ihrem Hals zwanzig Drüsen, so
daß der Hals des Mädchens dicker erschien als der Kopf. Ihre Mutter führte
sie oft an die Grabstätte der Jungfrau Klara, wo sie mit größter Andacht
die Hilfe der Heiligen erflehte. Als das Mädchen einmal eine ganze Nacht vor
dem Grab lag, brach ihm der Schweiß aus, und jene Drüsengeschwulste begannen
weich zu werden und einzuschrumpfen. Im Lauf der Zeit jedoch verschwanden sie
durch die Verdienste der heiligen Klara so, daß keine Spur zurückblieb.
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Ein ähnliches Halsübel hatte noch zu Klaras Lebzeiten eine von den
Schwestern mit Namen Andrea. Verwunderlich allerdings, daß inmitten von
Feuersteinen eine so kalte Seele verborgen lebte und unter den klugen
Jungfrauen eine unkluge töricht handelte. Diese nun schnürte eines Nachts
ihren Hals bis zum Ersticken zu, um jenen Pfropfen durch den Mund auszuspeien.
Sie wollte Gottes Willen an sich selbst übertreten. Während sich dies
zutrug, erkannte es Klara im Geiste. "Eile", sprach sie zu einer
Schwester, "eile schnell in das untere Haus und gib der Schwester Andrea von
Ferrara ein warmgemachtes Ei zum Schlürfen und komm dann mit ihr zusammen zu
mir herauf." Jene eilte und fand Schwester Andrea der Sprache verlustig und
durch ihre eigene Hand dem Ersticken nahe. Sie half ihr, so gut sie konnte,
und führte sie mit zur Mutter. Die Dienerin Gottes sprach zu ihr: "Unglückliche,
bekenne dem Herrn deine Absicht, die auch ich genau kenne. Siehe, was du
heilen wolltest, wird der Herr Jesus Christus heilen. Ändere aber dein Leben
zum Besseren, denn von der anderen Krankheit, die du erleiden wirst, wirst du
nicht mehr genesen." Auf ihr Wort hin empfing Schwester Andrea den Geist der
Zerknirschung und änderte in hervorragender Weise ihr Leben zum Besseren.
Nach kurzer Zeit war sie von den Skrofeln geheilt, an der anderen Krankheit
starb sie
Befreiung von Wölfen
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Grausame wilde Wölfe beunruhigten oft die Gegend. Sie fielen sogar die Leute
an und nährten sich nicht selten von Menschenfleisch. Eine Frau, Bona mit
Namen, von Monte Galliano in der Diözese Assisi hatte zwei Söhne. Kaum hatte
sie aufgehört, über den einen, den ihr die Wölfe entrissen hatten, zu
klagen, machten sie sich in gleicher Wildheit an den zweiten. Während die
Mutter daheim mit häuslicher Arbeit beschäftigt war, packte den Knaben, der
draußen herumlief, ein Wolf mit den Zähnen, biß ihn in den Nacken und
rannte, so schnell er konnte, mit der Beute in den Wald. Die Leute, die in den
Weinbergen arbeiteten, hörten das Heulen des Knaben und riefen der Mutter zu:
"Schau nach, ob dein Sohn da ist; denn kurz vorher hörten wir
ungewöhnliches Heulen." Da merkte die Mutter, daß ihr Sohn vom Wolf
geraubt worden war. Ein lautes Rufen erhob sie zum Himmel, erfüllte die Luft
mit Wehklagen und rief die Jungfrau Klara also an: "Heilige, glorreiche
Klara, gib mir meinen unglücklichen Sohn zurück! Wenn du das nicht tust,
werde ich mich selbst ertränken." Inzwischen waren die Nachbarn dem Wolf
nachgelaufen und fanden das Kind, vom Wolf verlassen, im Wald auf und einen
Hund neben dem Knaben, dessen Wunden er leckte. Zuerst hatte ihn das wilde
Tier in den Nacken gebissen; dann aber hatte es, um die Beute leichter tragen
zu können, den Knaben an den Lenden in den Rachen genommen, und das unsanfte
Zupacken hatte an beiden Stellen schwere Spuren hinterlassen. Um ihr Gelübde
zu erfüllen, eilte die Frau mit ihren Nachbarn zu ihrer Helferin, zeigte
allen, die es sehen wollten, die verschiedenen Wunden des Knaben und sagte
Gott und der heiligen Klara vielfältigen Dank.
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Ein Mädchen aus der Stadt Cannara saß am hellen Tag auf einem Feld; in
seinen Schoß hatte eine andere Frau den Kopf zurückgelehnt. Und siehe da,
ein menschenräuberischer Wolf lenkte seine schleichenden Schritte auf die
Beute. Das Mädchen jedoch hatte keine Angst, als es den Wolf sah, weil es
glaubte, es sei ein Hund. Während aber das Kind fortfuhr, das Fell des Wolfes
prüfend zu betrachten, wurde das mörderische Tier gegen das Mädchen wild,
packte es mit den Zähnen am Gesicht, verschloß ihm mit aufgesperrtem Rachen
den Mund und trug die Beute in den Wald. Die Frau, zuerst starr vor Schrecken,
sprang dann sofort auf und schrie, eingedenk der heiligen Klara: "Hilf,
heilige Klara, hilf! Dir empfehle ich das Kind in dieser Stunde." Das
Mädchen aber - wunderbar klingt es -, das der Wolf im Rachen trug, fuhr den
Wolf laut an: "Du Räuber, wirst du mich weitertragen, obgleich ich einer
solchen Jungfrau anempfohlen bin?" Durch diese Strafrede bestürzt, legte er
das Mädchen sofort sanft auf die Erde und lief wie ein ertappter Dieb eilig
davon.
Heiligsprechung der heiligen Jungfrau Klara
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Auf dem Stuhl Petri saß der gütigste Fürst und Herr, Alexander IV., ein
Mann und Freund jeglicher Heiligkeit, ein Hort der Ordensleute und eine starke
Säule der Orden. Da lief die Kunde von all dem Wunderbaren durch die Welt;
von Tag zu Tag erklang der Ruf vom Tugendleben der Jungfrau immer lauter.
Selbst die Welt erwartete mit Sehnsucht die Heiligsprechung einer solchen
Jungfrau. Der erwähnte Papst, von so vielen Zeichen wie zu einer
außerordentlichen Angelegenheit ermutigt, begann, zusammen mit den
Kardinälen über Klaras Heiligsprechung sich zu beraten.
Die Prüfung der Wunder wurde gewichtigen und gelehrten Persönlichkeiten
anvertraut und ihnen auch die Besprechungen der großen Taten ihres Lebens
übergeben. Es wurde ermittelt, daß Klara schon zu ihren Lebzeiten in der
Übung aller Tugenden ganz strahlend befunden wurde. Es wurde ermittelt, daß
sie aber auch nach ihrem Heimgang durch wahre und anerkannte Wunder
verehrungswürdig ist.
Am festgesetzten Tag, als das Kardinalskollegium, Erzbischöfe und Bischöfe,
Klerus und Ordensleute und eine sehr große Anzahl weiser und einflußreicher
Männer versammelt waren, stellte der Papst jenes heilsame Unternehmen in den
Mittelpunkt und verlangte das Urteil der Prälaten. Alle stimmten bereitwillig
zu und erklärten, man müsse Klara, die Gott schon im Himmel verherrlicht
habe, auch auf Erden verherrlichen .
Als der Tag nahe war, an dem Klara vor zwei Jahren zum Herrn heimgegangen war,
schrieb in Gegenwart der Prälaten und der ganzen versammelten Geistlichkeit
der glückliche Papst Alexander, dem der Herr diese Gnade zugedacht hatte,
Klara mit der denkbar größten Feierlichkeit in das Verzeichnis der Heiligen
ehrfürchtig ein und bestimmte, ihr Fest feierlich in der ganzen Kirche zu
begehen . Er selbst beging es als erster in hochfeierlicher Weise mit der
ganzen Kurie.
So geschehen in der Kathedralkirche zu Anagni im Jahr 1255 nach Christi
Geburt, im ersten Jahr des Pontifikates des Herrn Alexander; zum Lob unseres
Herrn Jesus Christus, der mit dem Vater und dem Heiligen Geiste lebt und
herrscht in alle Ewigkeit. Amen.
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