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"Herr, sei gelobt, weil du mich erschaffen hast"
Leben der Heiligen Klara - Thomas von Celano, 1. Buch, 2. Teil
Ein Gedenken an das Leiden des Herrn
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Einst war wieder der Tag (der Einsetzung) des heiligsten Abendmahls
herangekommen, an dem der Herr die Seinen bis ans Ende geliebt hatte. Zu
später Stunde, da die Todesangst des Herrn nahte, schloß sich Klara voll
Trauer und Betrübnis in die Einsamkeit ihrer Zelle ein. Als sie betend den
Herrn im Gebete begleitete und ihre bis zum Tod betrübte Seele sich
teilnahmsvoll in jene Betrübnis versenkte, erschauerte sie alsbald im
Gedenken der Gefangennahme und der ganzen Verspottung und ließ sich auf ihr
Lager nieder. Die ganze Nacht und den folgenden Tag war sie so hingerissen und
blieb so entrückt, daß sie mit unverwandtem Blick auf das Eine hingerichtet,
mit Christus gekreuzigt und ganz gefühllos für alles andere erschien. Oft
kehrte eine ihr vertraute Tochter zu ihr zurück, um zu sehen, ob sie
vielleicht irgendetwas wünsche, und fand sie stets im gleichen Zustand vor.
Als schon die Nacht zum Samstag herankam, zündete die fromme Tochter eine
Kerze an und rief der Mutter das Gebot des heiligen Franziskus durch ein
Zeichen, nicht durch ein Wort, ins Gedächtnis. Der Heilige hatte ihr nämlich
vorgeschrieben, daß sie keinen Tag, ohne etwas zu essen, vorübergehen lassen
dürfe. Als jene nun neben ihr stand, kehrte Klara gleichsam aus einer anderen
Welt zurück und brachte das Wort vor: "Wozu eine Kerze? Ist es denn nicht
Tag?" "Mutter", sagte jene, "die Nacht ist vergangen, der Tag ist
vorbei und eine neue Nacht ist angebrochen." Da sprach Klara zu ihr: "Gesegnet
sei dieser Schlaf, liebste Tochter; denn ich habe ihn lange ersehnt, und er
ist mir geschenkt worden. Aber hüte dich, von diesem Schlaf jemandem zu
erzählen, solange ich selbst noch im Fleische lebe."
Verschiedene Wunder, die Klara im Zeichen und in der Kraft des Kreuzes wirkte
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Der geliebte Gekreuzigte erwidert die Liebe der Liebenden, und sie, die durch
das Geheimnis des Kreuzes in solcher Liebe entbrennt, wird durch die Macht des
Kreuzes in Zeichen und Wundern verherrlicht. Während sie die Kranken mit dem
Zeichen des lebenspendenden Kreuzes bezeichnet, weicht die Krankheit
wunderbarerweise von ihnen. Von vielem will ich nur einiges anführen.
Einen Bruder, Stephan mit Namen, der an Tobsucht litt, schickte der selige
Franziskus zu Frau Klara, damit sie über ihn das Zeichen des Kreuzes mache.
Er wußte nämlich um ihre große Vollkommenheit und verehrte in ihr die
große Wunderkraft. Auf Befehl des Vaters bezeichnete die Tochter des
Gehorsams den Bruder und ließ ihn an dem Platz, wo sie selbst zu beten
pflegte, ein wenig schlafen. Er aber erwachte nach kurzem vom Schlaf, erhob
sich gesund und kehrte, frei von geistiger Störung, zum Vater zurück.
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Ein dreijähriger Knabe namens Mattiolo aus der Stadt Spoleto hatte sich ein
Steinchen in die Nase gesteckt. Niemand vermochte es aus seiner Nase zu
entfernen, noch konnte der Knabe selbst es ausstoßen. In dieser großen
Beklemmung und Gefahr wird er zu Frau Klara geführt. Als er von ihr mit dem
Zeichen des Kreuzes bezeichnet ist, wird das Steinchen sofort ausgestoßen,
und er ist befreit.
Ein anderer Knabe aus Perugia mit einem völlig geschwollenen Auge wurde zur
heiligen Dienerin Gottes geführt. Sie drückte auf das Auge des Knaben das
Kreuzzeichen und sprach: "Führt ihn zu meiner Mutter, damit auch sie über
ihn das Kreuzzeichen mache." Ihre Mutter, Frau Ortulana, war, ihrer kleinen
Pflanze nachfolgend, nach ihrer Tochter in den Orden eingetreten und diente im
verschlossenen Garten mit den Jungfrauen als Witwe dem Herrn. Als der Knabe
von ihr das Kreuzzeichen empfangen hatte, ward auf der Stelle sein Auge frei
von der Geschwulst, und er sah klar und deutlich. Klara behauptete, jener
Knabe sei durch das Verdienst ihrer Mutter befreit worden. Die Mutter aber
schob das Verdienst des Lobes auf die Tochter und bekannte sich eines solchen
Tuns für unwürdig.
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Eine von den Schwestern namens Benvenuta hatte ungefähr zwölf Jahre an einem
Geschwür unter dem Arm gelitten, das aus fünf Öffnungen eiterte. Ihr legte
die Jungfrau Gottes Klara voll Mitleid dieses ihr besondere "Pflaster" des
heilbringenden Zeichens auf. Sofort, bei der Bezeichnung mit dem Kreuz,
erhielt sie volle Gesundung von dem langjährigen Geschwür.
Eine andere aus der Zahl der Schwestern, Amata mit Namen, lag dreizehn Monate
an Wassersucht krank darnieder, dazu von Fieber, Husten und Schmerzen in der
Seite gequält. Voll Mitleid mit ihr nahm Frau Klara Zuflucht zu der edlen
Probe ihrer Heilkunst. Sie bezeichnete die Schwester mit dem Kreuz im Namen
ihres Christus und gab ihr sofort die volle Gesundheit wieder.
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Eine andere Magd Christi, gebürtig aus Perugia, hatte zwei Jahre lang derart
die Sprache verloren, daß sie kaum ein vernehmbares Wort hervorbringen
konnte. Als ihr in der Nacht vor der Aufnahme Unserer Lieben Frau in einer
Erscheinung gezeigt wurde, daß Frau Klara sie heilen könne, wünschte sie
sehnsüchtig den Tagesanbruch herbei. Als es kaum Tag wurde, eilte sie zur
Mutter und bat um das Zeichen des Kreuzes. Mit diesem bezeichnet, erlangte sie
dann die Sprache wieder.
Eine Schwester namens Cristiana war lange Zeit auf einem Ohr mit Taubheit
geschlagen. Sie hatte schon viele, jedoch vergebliche Heilmittel gegen das
Übel angewandt. Frau Klara segnete gütig ihr Haupt und betastete ihr Ohr.
Sogleich erlangte sie wieder die Fähigkeit zum Hören.
Groß war im Kloster die Zahl kranker Schwestern, die von verschiedenen Leiden
heimgesucht waren. Klara betrat nach ihrer Gewohnheit den Raum (der Kranken),
machte fünfmal das Zeichen des Kreuzes und befreite mit ihrem gewohnten
Heilmittel sofort fünf Schwestern von ihrer Krankheit. Daraus geht in der Tat
hervor, daß der Baum des Kreuzes im Herzen der Jungfrau eingepflanzt war.
Während nämlich seine Frucht ihre Seele erquickte, trieb er nach außen
Blätter als Heilmittel.
Tägliche Unterweisung der Schwestern
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Wohl deshalb, weil Klara die Lehrerin der Unerfahrenen und gleichsam im Palast
des großen Königs die Vorsteherin der Mädchen war, unterwies sie dieselben in
solcher Zucht und förderte sie in solcher Liebe zur Frömmigkeit, daß keine
Zunge es zu künden vermag. Sie lehrte sie vor allem, jeglichen Lärm aus der
Wohnung des Herzens zu vertreiben, damit sie den Geheimnissen Gottes allein
anzuhangen vermöchten. Sie lehrte sie, sich nicht länger von der Liebe zu
leiblichen Verwandten beeinflussen zu lassen und das Vaterhaus zu vergessen, um
Christus zu gefallen. Sie ermahnte sie, Forderungen, die ein hinfälliger Leib
geltend macht, zu verachten und die armseligen Dinge des Fleisches der
Herrschaft der Klugheit zu unterwerfen. Sie wies darauf hin, daß der listige
Widersacher reinen Seelen verborgene Schlingen legt, und daß er auf die eine
Weise die Heiligen versucht, auf eine andere jene, die an die Welt gebunden sind.
So wollte sie ferner, die Schwestern sollten zu bestimmten Stunden Handarbeiten
verrichten; sodann sollten sie durch eifriges Gebet immer wieder die
Sehnsucht nach dem Schöpfer in sich erwecken, die lähmende Gleichgültigkeit
überwinden und durch das Feuer heiliger Liebe die Trägheit aufgeben. Nirgends
fand man eine strengere Beachtung des Stillschweigens, nirgends waren Schönheit
und Hochschätzung jeglicher Ehrbarkeit angesehener. Dort gab es weder Geschwätzigkeit,
die ein unbedachtes Wesen verriet, noch ließ Leichtfertigkeit im Reden eine unüberlegte
Ansicht erkennen. Denn die Lehrmeisterin selbst, sparsam mit Worten, faßte die
reichen Eingebungen ihres Geistes in Kürze der Rede zusammen.
Klaras Eifer, gern das Wort heiliger Predigt zu hören
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Sie versorgte die Töchter durch fromme Prediger mit der Nahrung des Wortes
Gottes; daran hatte sie selbst nicht geringeren Anteil. Sie wurde nämlich
beim Anhören heiliger Predigt von solcher Freude durchströmt, von solcher
Erinnerung an ihren Jesus beglückt, daß einmal bei der Predigt des Bruders
Filippo von Adria ein überaus anmutiger Knabe der Jungfrau Klara zur Seite
stand, und sie einen großen Teil der Predigt lang mit seinen
Freudenbezeigungen erbaute. Auf den Anblick dieser Erscheinung hin fühlte
jene Schwester, die an der Mutter solches zu sehen verdiente, eine
unerklärliche Süßigkeit. Wenn auch Klara wissenschaftlich nicht gebildet
war, so freute sie sich dennoch, eine gelehrte Predigt zu hören; sie hielt
dafür, daß in der Schale der Worte ein Kern verborgen sei, zu dessen
genauerem Erfassen und weiserem Verkosten sie vorzudringen suchte. Sie
verstand es, aus der Predigt eines jeden Predigers das herauszuholen, was der
Seele diente; sie wußte, daß es kein Zeichen geringerer Klugheit ist,
bisweilen von einem unbeschnittenen Baum eine Blüte zu pflücken, als die
Frucht von einem edlen Baum zu essen.
Als einmal Papst Gregor verboten hatte, daß ein Bruder ohne seine Erlaubnis
die Klöster der Frauen besuche, trauerte die fromme Mutter über ihre
Schwestern, die nun seltener die Nahrung der heiligen Unterweisung haben
sollten, und sprach mit Seufzen: "Er soll uns übrigens alle Brüder
wegnehmen, nachdem er uns die Spender des Lebensbrotes weggenommen hat."
Sofort schickte sie alle Brüder zum Minister zurück, weil sie keine
Almosensammler haben wollte, die nur das Brot des Leibes besorgten, nachdem
die Schwestern die Almosensammler des geistigen Brotes nicht haben sollten.
Als dies Papst Gregor vernahm, legte er jenes Verbot in abgeschwächter Form
sofort in die Hände des Generalministers.
Klaras große Liebe zu ihren Schwestern
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Die verehrungswürdige Äbtissin liebte nämlich nicht nur die Seelen ihrer
Schwestern, sondern sorgte mit bewundernswert liebendem Eifer auch für ihr
leibliches Wohl. Denn öfters in kalten Nächten deckte sie mit eigener Hand
die Schlafenden zu, und von denen, die sie für zu schwach hielt, die
gemeinsame Strenge des Lebens zu halten, wollte sie, sie sollten sich mit einer
gemilderten Lebensweise zufrieden geben. Quälte eine Schwester eine
Versuchung, befiel eine andere, wie es vorkommt, Traurigkeit, rief Klara diese
heimlich zu sich und tröstete sie unter Tränen. Bisweilen warf sie sich den
Trauernden zu Füßen, um mit mütterlichen Worten ihren heftigen Schmerz zu
lindern. Die für diese Wohltaten dankbaren Schwestern hingen mit voller
Ergebenheit an ihr. Mit dem Ausdruck der Liebe und Hochschätzung umfingen sie
die Mutter, verehrten in der Lehrerin das Amt der Vorgesetzten, folgten in der
Erzieherin dem rechten Weg und bewunderten in der Braut Gottes den Vorrang
jeglicher Heiligkeit.
Klaras Krankheiten und ihr langwieriges Siechtum
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Vierzig Jahre lang war Klara in der Rennbahn der höchsten Armut gelaufen.
Siehe, da näherte sie sich unter mannigfachem Siechtum dem Siegespreis
himmlischer Berufung. Die Lebenskraft ihres Körpers erlag der Strenge der in
früheren Zeiten geübten Buße. Darum befiel sie in späterer Zeit schwere
Krankheit, damit sie, die in gesunden Tagen mit Verdiensten der Arbeit
bereichert worden war, in kranken Tagen mit den Verdiensten der Leiden
bereichert würde. Und in der Tat, "die Kraft kommt in der Schwachheit zur
Vollendung". Wie vollkommen ihre bewundernswerte Kraft in der Krankheit war,
geht am klarsten daraus hervor, daß sie in ihrer achtundzwanzig Jahre
dauernden Krankheit "kein Murren hören ließ und keine Klage". Vielmehr
kam aus ihrem Mund stets nur heilige Rede, stets nur Danksagung. Obgleich sie,
von der Last der Krankheit niedergedrückt, dem Tode zuzueilen schien, gefiel
es dennoch Gott, ihren Heimgang bis zu der Zeit aufzuschieben, wo sie von der
römischen Kirche, deren Kind und besondere Tochter sie war, mit würdigen
Ehren ausgezeichnet werden konnte. Als nämlich der Papst mit den Kardinälen
in Lyon weilte, begann Klara von einer ungewöhnlichen Krankheit geplagt zu
werden. Das Schwert unsäglichen Schmerzes marterte darob die Herzen der
Töchter.
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Alsbald wurde einer Magd Christi, einer gottergebenen Jungfrau vom Kloster S.
Paolo aus dem Orden des heiligen Benedikt, folgende Erscheinung gezeigt: Es
schien ihr, als stünde sie zusammen mit ihren Schwestern in S. Damiano am
Krankenbett von Frau Klara und Klara liege auf einem kostbaren Lager. Während
die Schwestern weinten und mit Tränen den Heimgang der seligen Klara
erwarteten, erschien eine schöne Frau am Kopf des Lagers und redete die
Weinenden also an: "O Töchter, weinet nicht über sie, die dem Sieg
entgegeneilt; sie wird nicht sterben können, bevor nicht der Herr mit seinen
Jüngern kommt." Und siehe, alsbald kam die römische Kurie nach Perugia.
Als der Herr von Ostia hörte, Klaras Krankheit habe sich verschlimmert, eilte
er von Perugia herbei, um die Braut Christi zu besuchen. Er war ja aufgrund
seines Amtes ihr Vater, durch seine Sorge ihr Schirmherr, durch reinste Liebe
ihr immer treu ergebener Freund. Er stärkte die Kranke mit dem Sakrament des
Leibes des Herrn, die übrigen Schwestern aber mit aufmunternder, heilsamer
Rede. Nur um das eine flehte Klara den Vater demütig unter Tränen an, er
möge sie selbst und die anderen Frauen im Namen Christi empfohlen halten.
Jedoch war es vor allem eines, was sie erflehte, daß er die Bestätigung des
Privilegs der Armut vom Herrn Papst und den Kardinälen für sie erbitte. Wie
dies jener treue Helfer des Ordens mündlich versprach, so erfüllte er es in
der Tat. Als ein Jahr vergangen war, ging der Herr Papst mit den Kardinälen
von Perugia nach Assisi hinüber, damit die vorher angezeigte Erscheinung in
Erfüllung gehe. Denn der Papst selbst, über jedem Menschen, doch unter Gott
stehend, vertritt die Person des Herrn; wie die Jünger stehen die Herren
Kardinäle mit ihm im Tempel der streitenden Kirche auf vertrautem Fuß.
Wie der Herr Papst Innozenz Klara in ihrer Krankheit besuchte, ihr die Absolution spendete und sie segnete
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Schon eilte die göttliche Vorsehung, ihr Vorhaben mit Klara zu erfüllen; es
eilte Christus, die arme Pilgerin in den Palast des himmlischen Reiches zu
erhöhen. Schon verlangte sie mit ganzer Sehnsucht, von diesem todgeweihten
Leib befreit zu werden und in den himmlischen Wohnungen Christus herrschen zu
sehen, dem sie in seiner Armut auf Erden arm mit ganzem Herzen nachgefolgt
war. Nachdem ihre heiligen Glieder von der alten Krankheit aufgerieben waren,
befiel sie eine neue Krankheit, die sowohl die ganz nahe bevorstehende
Berufung zum Herrn anzeigte, als auch den Weg zu ewiger Gesundheit bereitete.
Es eilte Herr Innozenz IV. seligen Angedenkens zusammen mit den Kardinälen
herbei, die Magd Christi zu besuchen. Er, der ihre Lebensweise über die
Frauen unserer Zeit hinaus gutgeheißen hatte, trug kein Bedenken, ihr
Lebensende mit päpstlicher Anwesenheit zu verherrlichen. Nachdem er das
Kloster betreten hatte, eilte er an ihr Lager und reichte dem Mund der Kranken
seine Hand zum Kusse. Klara nahm die Hand mit aller Dankbarkeit an und bat mit
höchster Ehrfurcht, den Fuß des Papstes küssen zu dürfen. Ein Herr vom
päpstlichen Hof hob ehrfurchtsvoll den Fuß auf einen bereitgestellten
hölzernen Schemel bequem hin, auf den sie von vorne und an der Seite Küsse
drückte, wobei sie ehrfürchtig ihr Antlitz hinneigte.
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Darauf erbat sich Klara vom Papst mit engelgleichem Antlitz die Vergebung
aller Sünden. Er aber erwiderte: "Wenn doch ich der gleichen Verzeihung
bedürfte!" Dann gab er ihr das Gnadengeschenk voller Lossprechung und
reichsten Segens. Während sich alle zurückzogen, erhob Klara - sie hatte an
jenem Tag aus der Hand des Provinzialministers den Leib des Herrn empfangen -
ihre Augen zum Himmel, faltete die Hände zu Gott und sagte unter Tränen zu
ihren Schwestern: "Lobet den Herrn, meine lieben Töchter, denn heute hat
sich Christus gewürdigt, mir eine so große Gnade zu erweisen, daß Himmel
und Erde nicht ausreichen, sie aufzuwiegen. Ihn, den Allerhöchsten selbst",
sagte sie, "habe ich heute empfangen und seinen Stellvertreter durfte ich
sehen."
Was Klara ihrer weinenden leiblichen Schwester für eine Antwort gab
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Die Töchter, die bald Waisen werden sollten, umstanden das Lager ihrer
Mutter; ihre Seelen durchdrang das Schwert bitteren Schmerzes. Nicht Schlaf
rief sie weg, noch Hunger riß sie fort; sie, die Schlaf und Essen vergessen
hatten, hatten nur noch Genüge daran, Tag und Nacht zu wehklagen. Unter ihnen
war die fromme Jungfrau Agnes, die aufgelöst in bittere Tränen ihre
Schwester anflehte, sie möge nicht, sie allein zurücklassend, von ihr gehen.
Klara erwiderte ihr: "Es ist Gottes Wille, liebste Schwester, daß ich gehe.
Du aber höre auf zu weinen, denn alsbald nach mir wirst du zum Herrn kommen;
und der Herr wird dir einen großen Trost gewähren, bevor ich von dir gehe."
Klaras Heimgang, und was man dabei alles tat und sah
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Die Leiden ihres Todeskampfes schließlich dauerten mehrere Tage, in denen das
Vertrauen und die Verehrung der Leute wuchsen. Auch durch häufigen Besuch von
Kardinälen und Prälaten wurde sie wie eine wahrhaft Heilige verehrt.
Folgendes aber ist erstaunlich zu hören: Obgleich sie siebzehn Tage lang
keine Speise zu sich nehmen konnte, wurde sie vom Herrn mit solcher Kraft
ausgerüstet, daß sie alle, die zu ihr kamen, im Dienste Christi stärkte.
Als der gute Mann, Bruder Rainald, sie in dem langen Martyrium solcher
Krankheiten zur Geduld ermahnte, antwortete sie ihm ganz unbefangen: "Nachdem
ich die Gnade meines Herrn Jesus Christus durch seinen Diener Franziskus ein
für allemal erkannt habe, ist mir keine Pein beschwerlich, keine Buße hart,
keine Krankheit, liebster Bruder, drückend."
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Da aber der Herr gnädig handelte und gleichsam schon vor der Türe stand,
wollte Klara Priester und geistliche Brüder um sich haben, die ihr das Leiden
des Herrn und heilige Worte vortragen sollten. Kaum war Bruder Juniperus,
berühmt für seine zündenden Worte, die er an den Herrn zu richten imstande
war, unter ihnen erschienen, fragte ihn Klara, von ungewöhnlicher Heiterkeit
erfüllt, ob er etwas Neues vom Herrn bereit habe. Er aber öffnete seinen
Mund und entsandte aus dem Feuerofen seines glühenden Herzens Worte wie
Feuerfunken. Aus seinen Gleichnissen entnahm die Jungfrau Gottes großen
Trost. Schließlich wandte sich Klara an die weinenden Töchter, denen sie die
Armut des Herrn ans Herz legte und voll Lobpreis sie an die Wohltaten Gottes
erinnerte. Sie segnete die frommen Brüder und ihre frommen Schwestern und
erflehte für alle Frauen der Armen Klöster, für die gegenwärtigen und die
künftigen, die Gnade reichsten Segens. Wer könnte das Weitere ohne Tränen
erzählen?
Bei Klara standen auch jene beiden gesegneten Gefährten des seligen
Franziskus, von denen der eine, Angelus, selbst tieftraurig, die Trauernden
tröstete; der andere, Leo, die Liegestatt der Scheidenden küßte. Die
verlassenen Töchter beweinten den Heimgang der frommen Mutter und gaben der
Sterbenden, die sie weiterhin nicht mehr sehen sollten, unter Tränen das
Geleit. Es schmerzte sie bitterlich, daß ihr ganzer Trost mit ihr fortging
und sie, im Tal der Tränen zurückgelassen, nicht mehr länger von ihrer
Meisterin getröstet werden konnten. Gerade noch hielt das Schamgefühl ihre
Hand vor der Zerfleischung ihres Körpers zurück, und dies bewirkte das Feuer
eines noch heftigeren Schmerzes, weil man es nicht ausströmen ließ. Die
klösterliche Vorschrift gebot Stillschweigen, die Gewalt des Schmerzes aber
entpreßte ihnen Stöhnen und Schluchzen. Aufgedunsen war ihr Antlitz infolge
der Tränen und ihr trauerndes Herz ließ ungestüm immer neue Tränen
hervorbrechen.
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Zu sich gewendet aber redete die heiligste Jungfrau ihre Seele leise also an:
"Geh hin in Sicherheit, denn du hast ein gutes Geleit. Geh hin", sagte
sie, "denn der dich erschaffen hat, hat dich geheiligt. Er hat dich stets
behütet wie eine Mutter ihr Kind und dich mit zärtlicher Liebe geliebt."
Sie sprach: "Du, Herr, sei gepriesen, weil du mich erschaffen hast." Als
eine der Schwestern fragte, mit wem sie rede, erwiderte sie: "Ich rede mit
meiner gebenedeiten Seele." Auch jener herrliche Wegbegleiter war nicht mehr
fern. Denn zu einer Schwester hingewandt sagte sie: "Siehst du, o Tochter,
den König der Herrlichkeit, den ich sehe?" Auch über eine andere Schwester
kam die Hand des Herrn. Mit ihren leiblichen Augen empfing sie unter Tränen
ein beglückendes Gesicht. Vom Pfeil tiefen Schmerzes durchbohrt, richtete sie
ihre Augen zur Tür des Hauses hin. Und siehe, eine Schar Jungfrauen in
weißen Gewändern trat herein; alle trugen auf ihrem Haupt goldene Kränze.
Eine unter ihnen schritt strahlender als die anderen; aus ihrer Krone - sie
hatte oben die Form eines durchbrochenen Rauchgefäßes - brach ein solcher
Glanz hervor, daß sich die Nacht im Hause in helles Tageslicht ver-wandelte.
Sie ging auf das Lager zu, auf dem die Braut Christi lag, neigte sich
liebreich über sie und umarmte sie zärtlich. Ein wunderschönes Tuch holten
die Jungfrauen hervor, bedeckten alle in heiligem Wetteifer Klaras Leib und
schmückten das Brautgemach.
Am Tag nach dem Fest des heiligen Laurentius verschied diese heilige Seele, um
mit dem ewigen Lohn gekrönt zu werden. Befreit vom Tempel ihres Leibes, eilte
ihr Geist glückselig zu den Sternen. Gepriesen sei dieser Auszug aus dem Tal
des Elends, der Klara zum Einzug ins ewige Leben geworden ist! Schon erfreut
sie sich statt an kärglicher Erdenkost an der Tafel der Himmelsbürger. Schon
wird die Selige im Reich der Himmlischen anstatt mit irdischer Gewandung, die
zu Asche vergeht, mit dem Gewand ewiger Herrlichkeit geschmückt.
Wie zum Begräbnis der Jungfrau Klara die römische Kurie
mit der ganzen Bevölkerung zahlreich zusammenkam
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Die Kunde vom Heimgang der Jungfrau Klara zusammen mit dem Bericht der
wunderbaren Umstände verbreitete sich unverzüglich und erschütterte das
ganze Volk der Stadt. Es liefen die Männer, es liefen die Frauen zu dem Ort;
in solcher Anzahl strömten die Leute hinzu, daß die Stadt wie ausgestorben
schien. Alle riefen laut: "Eine Heilige, eine Gott Wohlgefällige!" Nur
wenige brachen bei den Lobpreisungen in Tränen aus. Das Oberhaupt der Stadt
eilte mit einer Schar von Rittern und einer großen Anzahl von Bewaffneten
herbei. Sie hielten an jenem Abend und die ganze Nacht hindurch aufmerksam
Wache, damit dem kostbaren Schatz, der in ihrer Mitte ruhte, kein Schaden
zugefügt werden könne.
Am folgenden Tag brach die ganze Kurie auf, der Statthalter Christi mit den
Kardinälen lenkte seine Schritte zu der Stätte, und die ganze Stadt zog nach
S. Damiano hin. Man war zum Beginn der Feier des Gottesdienstes gekommen, als
die Brüder eben das Totenoffizium anfingen. Da äußerte der Herr Papst
plötzlich, man sollte das Offizium von den Jungfrauen nehmen, nicht das
Totenoffizium, so daß es den Anschein hatte, als wolle er Klara schon
heiligsprechen, ehe ihr Leib bestattet war. Weil aber der hervorragende Mann,
der Herr Kardinal von Ostia erwiderte, man müsse in diesen Angelegenheiten
mit größerer Bedachtsamkeit vorgehen, wurde die Totenmesse gefeiert. Als
sich späterhin der Papst und auch die versammelten Kardinäle und Prälaten
gemeinsam niedergelassen hatten, feierte der Bischof von Ostia die
hervorragende Verächterin der Eitelkeit in einer herrlichen Rede, zu der er
das Thema gewählt hatte: "O Eitelkeit über Eitelkeit."
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Es umgaben dort in frommer Würdigung die Kardinalpriester den heiligen
Leichnam und vollzogen nahe beim Leib der Jungfrau die liturgischen Dienste.
Schließlich erhob man, weil man es nicht für sicher und geziemend genug
hielt, daß ein so kostbares Unterpfand so weit von den Bürgern entfernt sei,
unter Hymnen und Lobgesängen, mit Posaunenklängen und Jubelliedern den
Leichnam und überführte ihn ehrenvoll nach S. Giorgio. An dieser Stätte
nämlich war es auch, wo der Leib des heiligen Vaters Franziskus zuerst
beigesetzt gewesen war. So sollte derjenige, der der Lebenden den Weg des
Lebens bereitet hatte, auch der Toten die Stätte durch ein gewisses
Vorzeichen bereiten.
Darauf erfolgte ein Ansturm von Menschenscharen hin zum Grab der Jungfrau, die
Gott lobten und sprachen: "Wahrhaft heilig, wahrhaft ruhmvoll herrscht sie
mit den Engeln, sie, die auf Erden von den Menschen solcher Ehre teilhaftig
ist. Bitte für uns bei Christus, du Erste der Armen Frauen, du, die du
unzählige Menschen zur Buße, ungezählte zum Leben geführt hast!"
Nur wenige Tage später wurde auch Agnes zur Hochzeit des Lammes gerufen und
folgte ihrer Schwester Klara in die ewigen Freuden, wo beide Töchter Sions,
von Natur, durch Gnade und im Himmelreich Schwestern, Gott ohne Ende preisen.
In der Tat erhielt Agnes jenen Trost, den ihr Klara versprach, bevor sie
verschied. Wie Agnes nämlich ihrer vorangehenden Schwester von der Welt zum
Kreuz nachgegangen war, so ging sie jetzt, während Klara durch Zeichen und
Wunder glänzte, eilig aus dem Licht der Welt zu Gott. Dies gewährte ihr
unser Herr Jesus Christus, der mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebt und
herrscht in alle Ewigkeit. Amen.
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