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"Herr, sei gelobt, weil du mich erschaffen hast"

Leben der Heiligen Klara - Thomas von Celano

Es beginnt das Leben der heiligen Klara
I. Buch

Ihre Abstammung
1.
Die bewundernswerte Frau, Klara dem Namen und der Tugend nach, stammte aus einem vornehmen Geschlecht der Stadt Assisi. Dem seligen Franziskus war sie so zuerst Mitbürgerin auf Erden, bald darauf Mitherrscherin im Himmel. Ihr Vater war Ritter, und das ganze Geschlecht von Vater und Mutter her von ritterlicher Abstammung. Ihr Haus war sehr reich und groß ihr Vermögen, entsprechend den Verhältnissen des Landes. Ihre Mutter, Ortulana mit Namen, die im Garten der Kirche ein fruchtbringendes Reis hervorbringen sollte, war selbst außergewöhnlich reich an guten Früchten. So sehr sie auch ihrem ehelichen Gemahl ergeben war und häusliche Sorgen sie in Anspruch nahmen, oblag sie doch nach Kräften dem Dienste Gottes und den Werken der Frömmigkeit. Ja, sie fuhr mit Pilgern fromm übers Meer und durchwanderte jene Orte, die der Gottmensch mit seinen heiligen Spuren geweiht hatte. Schließlich kehrte sie voll Freude wieder zurück. Des Gebetes halber ging sie wiederholt zum heiligen Erzengel Michael und mit noch größerer Hingebung besuchte sie die Gräber der Apostel.
2.
Wozu noch mehr Worte? "An der Frucht erkennt man den Baum", und die Frucht erhält ihren Wert vom Baume her. Voraus ging die Fülle göttlicher Gnade an der Wurzel, damit an dem Zweiglein der überfließende Reichtum der Heiligkeit folge. Als nun gar die schwangere Frau, der Niederkunft nahe, vor dem Kreuz in der Kirche den Gekreuzigten inständig bat, er möge sie die Geburt gesund überstehen lassen, vernahm sie eine Stimme, die zu ihr sagte: "Frau, verzage nicht, du wirst ohne Gefahr ein Licht zur Welt bringen, das selbst das Licht an Helligkeit überstrahlen wird." Durch diese Verheißung belehrt, ließ sie dem neugeborenen Mädchen bei der Wiedergeburt durch die heilige Taufe den Namen Klara geben, in der Hoffnung, der strahlende Glanz des versprochenen Lichtes müsse sich gemäß dem Wohlgefallen des göttlichen Lichtes irgendwie erfüllen.

Wandel im Vaterhaus
3.
Bald trat das Mädchen Klara ans Licht. Schon frühzeitig fing es an, im Schatten der Welt zu leuchten und im zarten Alter durch rechtschaffenen Lebenswandel zu glänzen. Gelehrigen Herzens nahm sie aus dem Mund der Mutter die Anfangsgründe des Glaubens auf. Durch den Geist, der sie innerlich gleicherweise beseelte und formte, offenbarte sie sich wirklich als ganz reines Gefäß der Gnade. Gerne öffnete sie ihre Hände den Armen41 und half mit dem Überfluß ihres Hauses vielen in der Not. Damit ihr Opfer Gott um so wohlgefälliger sei, entzog sie ihrem eigenen schwachen Körper die feinen Gerichte und schickte sie heimlich durch Zwischenboten weg, um damit die Herzen der Waisen zu erquicken. So wuchs von Kindheit an mit ihr das Erbarmen, und sie trug ein mitfühlendes Herz, das sich des Elends der Unglücklichen erbarmte.
4.
Heiliges Gebet war ihre Lieblingsbeschäftigung; dabei wurde sie des öfteren von großer Wonne erfüllt, so daß sie ersehnte, jungfräulich zu leben. Da sie keine Gebetsschnur hatte, um die Vaterunser aneinanderzureihen, zählte sie dem Herrn ihre Gebete mit einem Häufchen kleiner Steine. Sobald sie die ersten Antriebe heiliger Liebe zu fühlen begann, hielt sie den bunten Wechsel weltlichen Vergnügens nur der Verachtung wert. Die Salbung des Geistes hatte sie gelehrt, wertlose Dinge als wertlos einzuschätzen. Unter prächtigen, weichen Kleidern trug sie heimlich ein Bußgewand. Vor den Augen der Welt erschien sie schön nach außen, im Inneren aber hatte sie Christus angezogen. Als die Eltern sie adelig verheiraten wollten, ließ sie sich keineswegs herbei, sondern vertraute dem Herrn ihre Jungfräulichkeit an, nachdem sie eine irdische Heirat für immer ausgeschlagen hatte. So groß war schon im väterlichen Haus ihr Tugend- und Opferleben, so groß waren die Erstlingsopfergaben ihres Geistes, die Vorspiele ihrer Heiligkeit. Darum strömte ein Duft von Salböl von ihr aus wie aus einer Kammer mit Spezereien, auch wenn sie verschlossen ist. Die Nachbarn fingen allerdings an, die Nichtsahnende zu loben; und während der Leute wahres Reden ihre heimlichen Taten verriet, verbreitete sich der Ruf ihrer Herzensgüte im Volk.

Bekanntwerden und Freundschaft mit dem seligen Franziskus
5.
Als Klara den damals schon bekannten Namen Franziskus hörte, der wie ein neuer Mensch den in der Welt vergessenen Weg der Vollkommenheit mit neuen Tugenden wiederbelebte, sehnte sie sich, ihn alsbald zu hören und zu sehen. Dazu riet ihr der Vater der Geister, dessen Erstlingsgabe beide, wenn auch auf verschiedene Weise, empfangen hatten. Nicht weniger wünschte Franziskus, da auch zu ihm der gute Ruf des liebenswürdigen Mädchens gedrungen war, sie zu sehen und mit ihr zu reden, um, wenn irgendwie möglich, eine solch edle Beute der argen Welt abzujagen und sie seinem Herrn zu übergeben; war er doch ganz beutegierig gekommen, um das Reich der Welt zu entvölkern. Er besuchte sie und sie öfters ihn. Die Zeit ihrer Besuche richteten sie so ein, daß jene auf Gott hingerichtete Beschäftigung weder von Menschen wahrgenommen, noch durch öffentliches Gerede beanstandet werden konnte. Nur eine einzige vertraute Gefährtin begleitete das Mädchen, wenn es aus dem väterlichen Haus fortging, um mit dem Manne Gottes heimlich zusammenzukommen, dessen flammende Worte und Taten ihr übermenschlich erschienen. Vater Franziskus ermunterte sie zur Weltverachtung; legte ihr lebhaft dar, wie töricht irdische Hoffnung, wie trügerisch irdischer Schein sei; er vertraute ihr an, wie beseligend die Vermählung mit Christus sei, und legte ihr nahe, die Perle jungfräulicher Keuschheit jenem herrlichen Bräutigam, den die Liebe Mensch werden ließ, zu bewahren.
6.
Was halte ich mich noch mit vielen Worten auf? Auf das inständige Bitten des heiligsten Vaters und sein eifriges Bemühen nach Art eines geschickt handelnden Brautwerbers hin zog die Jungfrau ihre Zustimmung nicht mehr in die Länge. Auf der Stelle öffnete sich ihr Blick in die ewigen Freuden, bei deren Betrachtung die Welt von selbst wertlos wurde; sie verging vor Sehnsucht nach ihnen und begehrte aus Liebe zu ihnen nach der himmlischen Hochzeit. Denn vom himmlischen Feuer entzündet, wies sie den Prunk irdischer Eitelkeit so weit von sich, daß nichts mehr vom Beifall der Welt ihre Liebe berühren konnte. Auch vor den Lockungen des Fleisches schreckte sie zurück; schon nahm sie sich vor, sich fernzuhalten von einem Ehebett in Schuld. Gott allein wollte sie aus ihrem Leib ein Heiligtum errichten, eifrig bestrebt, sich der Vermählung mit dem großen König durch Tugend würdig zu machen. Und damals sie vertraute sich ganz dem Rat von Franziskus an und bestellte ihn nächst Gott zum Lenker des von ihr eingeschlagenen Kurses. Seitdem hing ihre Seele an seinen Ermahnungen, und was immer er von Jesus vorbrachte, nahm sie mit glühender Seele auf. Nur ungern trug sie die Zier weltlichen Schmuckes. Wie Kehricht erschien ihr alles, was den Beifall der Welt findet, nur damit sie Christus gewinnen könnte.

Wie sie sich mit Hilfe des seligen Franziskus bekehrte und aus der Welt in den Orden überging
7.
Sogleich beeilte sich der fromme Vater, Klara aus der in Dunkelheit gehüllten Welt herauszuführen, damit der Spiegel ihrer reinen Seele nicht fernerhin vom Erdenstaub getrübt oder ihre zarte Jugend der Ansteckung weltlichen Wandels noch länger ausgesetzt werde. Es stand der Palmsonntag bevor. Da begab sich das Mädchen mit glühendem Herzen zum Manne Gottes, um sich über ihre Bekehrung6 zu erkundigen, was zu tun sei und wie sie vor sich gehe. Vater Franziskus hieß sie am Festtag fein gekleidet und geschmückt mit dem übrigen Volk gehen, um die Palme zu empfangen. In der folgenden Nacht sollte sie das Lager verlassen und die weltliche Freude in Trauer über das Leiden des Herrn verwandeln. Als der Sonntag kam, betrat Klara mit den anderen die Kirche, strahlend in festlichem Glanz in der Schar der Frauen. Dort geschah ein bedeutsames Vorzeichen. Während die anderen Leute sich zu den Palmzweigen hindrängten, blieb Klara aus Scheu unbeweglich auf ihrem Platz. Da stieg der Bischof die Stufen herab, ging zu ihr hin und legte ihr die Palme in die Hand. In der folgenden Nacht rüstete sie sich auf Geheiß des Heiligen und unternahm in ehrbarer Begleitung die ersehnte Flucht. Da sie zur gewöhnlichen Tür nicht hinausgehen wollte, öffnete sie mit staunenswerter Kraft eigenhändig einen anderen, mit Holz und Steinblöcken versperrten Ausgang.

8.
Sie verließ also Haus, Stadt und Verwandte und eilte nach Sankt Maria von Portiunkula. Dort empfingen die Brüder, die am kleinen Altar Gottes heilige Wache hielten, die Jungfrau Klara mit brennenden Lichtern. Bald warf sie dort den Schmutz Babylons von sich und gab der Welt den Scheidebrief. Dort legte sie durch der Brüder Hand ihr Haupthaar ab und verzichtete auf ihren mannigfaltigen Schmuck. Nirgendwo anders durfte der Orden der aufblühenden Jungfrauschaft errichtet werden als im Kirchlein derer, die als erste und würdigste von allen allein Mutter und Jungfrau zugleich war. Dies ist jener Ort, an dem die neue Heerschar der Armen unter der Führung von Franziskus ihren glücklichen Anfang nahm; klar scheint es daher, daß die Mutter der Barmherzigkeit beide Orden in ihrer Herberge zur Welt bringen wollte. Als Klara vor dem Altar der seligen Maria die Abzeichen heiliger Buße empfangen und gleichsam vor dem Brautgemach dieser Jungfrau als demütige Magd sich Christus vermählt hatte, führte sie der heilige Franziskus sofort zur Kirche S. Paolo, wo sie bleiben sollte, bis der Höchste für etwas anderes sorgen würde.

Wie Klara, von Verwandten bestürmt, in unerschütterlicher Beharrlichkeit standhielt
9.
Als aber die Kunde hiervon die Verwandten ereilte, verdammten sie blutenden Herzens Vorgehen und Entschluß der Jungfrau. Sie rotteten sich zusammen, eilten an den Ort und versuchten in ihre Gewalt zu bringen, was sie nicht mehr festhalten konnten. Stürmische Gewalt, giftige Ratschläge, schmeichlerische Versprechungen wandten sie an; sie redeten Klara zu, von solch schimpflicher Preisgabe abzustehen, die weder ihrem Geschlecht zieme, noch ein Beispiel im Umkreis habe. Klara aber ergreift das Altartuch, entblößt ihr geschorenes Haupt, fest entschlossen, sich unter keinen Umständen mehr vom Dienste Christi wegreißen zu lassen. Es wuchs ihr Mut mit dem wachsenden Streit ihrer Verwandten, und ihre vom Unrecht herausgeforderte Liebe steigerte ihre Kräfte. So verlor sie nicht den Mut, noch ließ ihre Begeisterung nach, während sie tagelang auf dem Weg des Herrn dem Hindernis trotzte und ihre Verwandten sich dem Vorhaben ihrer Heiligkeit widersetzten. Vielmehr erneuerte sie inmitten der gehässigen Reden so lange ihre Hoffnung in sich, bis die Verwandten sich für besiegt hielten und Ruhe gaben.
Nach einigen Tagen ging sie zur Kirche S. Angelo de Panzo hinüber. Weil aber dort ihre Seele nicht vollkommen zur Ruhe kam, zog sie auf den Rat des seligen Franziskus zuletzt zur Kirche S. Damiano. Dort warf sie gleichsam den Anker ihrer Seele auf sicheren Grund; sie schwankte ferner nicht mehr hin und her im Wechsel ihres Aufenthaltes, noch hatte sie Bedenken ob der Einschränkung, auch schreckte sie vor der Einsamkeit nicht zurück. Das ist jene Kirche, bei deren Wiederaufbau Franziskus mit heiliger Begeisterung sich abmühte und dem Priester der Kirche Geld zur Wiederherstellung des Bauwerkes angeboten hatte. Das ist jene Kirche, in der der betende Franziskus eine Stimme vom Holz des Kreuzes her vernahm: "Franziskus, geh hin, stelle mein Haus wieder her, das, wie du siehst, ganz verfällt." In den Kerker dieses winzigen Ortes schloß sich die Jungfrau Klara um der Liebe zum himmlischen Bräutigam willen ein. Hier verbarg sie sich vor dem Ansturm der Welt und kerkerte ihren Leib ein, so lange sie lebte. In der Höhlung dieses Felsens nistete die silberglänzende Taube, gebar sie die Gemeinschaft der Jungfrauen Christi, errichtete sie ein heiliges Kloster und legte den Grund zum Orden der Armen Frauen. Hier rieb sie auf dem Weg der Buße nach und nach die Kräfte ihres Leibes auf, hier säte sie das Samenkorn vollkommener Gerechtigkeit, hier wies sie durch ihr eigenes Vorausschreiten den Nachfolgerinnen den Weg. In dieser engen Einsiedelei zerbrach sie in zweiundvierzig langen Jahren mit der Geißel der Zucht das Alabastergefäß ihres Leibes, so daß das Haus der Kirche vom Duft der Salben erfüllt wurde. Wie ruhmvoll sie dort gewandelt ist, wird nur dann offenbar werden, wenn man zuerst erzählt, wie viele und wie ausgezeichnete Seelen es waren, die durch sie zu Christus kamen.

Der allerorts verbreitete Ruhm ihrer Tugenden
10.
Es dauerte nicht lange, da verbreitete sich der Ruf von der Heiligkeit der Jungfrau Klara über die benachbarten Gegenden, und von allen Seiten gingen Frauen dem Duft ihrer Salben nach. Jungfrauen beeilen sich, nach ihrem Beispiel für Christus zu bewahren, was sie sind; Verheiratete bemühen sich, noch keuscher zu leben; Adelige und Vornehme verachten ihre prächtigen Paläste und errichten sich arme Klöster. Für Christus in Sack und Asche zu leben, halten sie für große Ehre. Nicht weniger wurde die Begeisterung der jungen Männer zu lauterem Wettstreit angefeuert, hingerissen durch heldenmütiges Beispiel des "schwachen" Geschlechtes, das Blendwerk des Fleisches zu verachten. Mehrere schließlich, durch die Ehe gebunden, verpflichteten sich mit gegenseitiger Zustimmung zum Gesetz der Enthaltsamkeit: die Männer traten in Orden ein, die Frauen in Klöster. Die Mutter lud die Tochter, die Tochter die Mutter zur Christusnachfolge ein; die Schwester begeisterte dazu ihre Schwestern, die Tante ihre Nichten. Alle begehrten in nacheiferndem Verlange, Christus zu dienen. Alle wünschten, an diesem engelgleichen Leben, das durch Klara erstrahlte, teilnehmen zu können. Von Klaras Ruf begeistert, bemühten sich zahllose Jungfrauen, im Vaterhaus ohne Regel klösterlich zu leben, da sie nicht in der Lage waren, in ein Kloster zu gehen. So viele Sprößlinge des Heiles gebar Klara als Jungfrau durch ihr Beispiel, daß sich an ihr jenes Prophetenwort zu erfüllen schien: "Zahlreicher werden sein die Kinder der Vereinsamten als die der Vermählten".

Wie der Ruf ihrer Vortrefflichkeit auch in ferne Länder kam
11.
Damit aber nicht inzwischen der im Spoletotal entsprungene Quell dieses Segens auf ein enges Gebiet eingedämmt werde, ward er durch die göttliche Vorsehung zu einem Strom weggeleitet, auf daß dessen Wogenschwall die Stadt erfreue, ja, die ganze Kirche. Denn das Unerhörte solcher Vorgänge drang weit und breit in die Welt hinaus und begann überall Seelen für Christus zu gewinnen. Obwohl Klara eingeschlossen blieb, begann sie dennoch der ganzen Welt zu erstrahlen und erglänzte herrlich in Anerkennung und Lob. Der Ruf ihrer Vollkommenheit erfüllte die Zimmer vornehmer Frauen, erreichte die Paläste von Herzoginnen, ja drang sogar hinein bis in die innersten Gemächer von Königinnen. Der höchste Adel beugte sich herab, ihren Spuren zu folgen und sie, ein Sprößling stolzen Blutes, verleugnete sich in ihrer heiligen Demut. Manche Herzoginnen und Königinnen, zur Ehe berufen, taten strenge Buße, von Klaras Vorbild ermuntert; und die, die einen Mächtigen geheiratet hatten, ahmten Klara in ihrer Weise nach. In zahllosen Städten wurden Klöster errichtet, aber auch auf dem flachen Land und auf Bergeshöhen entstanden solche himmlischen Bauten. Die Pflege der Keuschheit vervielfältigte sich in der Welt; durch das Beispiel der heiligen Klara wird der wieder zum Leben erweckte jungfräuliche Stand in den Mittelpunkt gerufen. Durch diese herrlichen Blüten, die Klara hervortrieb, grünt heute glückselig die Kirche im Frühlings-schmuck, durch die sie sich selbst erquickt wissen will, wenn sie sagt: "Erquicket mich mit Blüten, labet mich mit Äpfeln, denn krank bin ich vor Liebe." Nun aber soll die Feder zum Thema zurückkehren, damit bekannt wird, was für ein Ordensleben Klara führte.
12.
Klara, der Grundstein und das vortreffliche Fundament ihres Ordens, war von allem Anfang an bemüht, auf dem Fundament der heiligen Demut den Bau aller Tugenden zu errichten. Dem seligen Franziskus gelobte sie heiligen Gehorsam und wich nicht im geringsten von ihrem Versprechen ab. Drei Jahre nach ihrer Bekehrung lehnte sie Namen und Amt der Äbtissin ab und wollte lieber demütig untertan sein, als an der Spitze stehen, unter den Mägden Christi lieber dienen, als bedient werden. Doch auf das Drängen des heiligen Franziskus hin übernahm sie schließlich die Leitung der Frauen. Darob entsprang in ihrem Herzen Furcht, nicht Stolz; so mehrte sich nicht die Machtvollkommenheit, sondern die Dienstbarkeit. Je höher sie nämlich in den Augen der anderen an äußerer Würde stand, desto geringer schätzte sie sich selber ein, desto bereitwilliger zeigte sie sich zum Dienst an den anderen, desto schlichter war sie in ihrer Lebensweise. Keinen Magddienst wies sie zurück. Das ging so weit, daß sie meistens den Schwestern das Wasser auf die Hände goß, sich zu den Sitzenden hinstellte, beim Essen die Schwestern bediente. Nur sehr ungern gab sie einen Befehl; ja, freiwillig griff sie selbst zu, da sie lieber persönlich zugreifen als den Schwestern befehlen wollte. Selbst die Sitze der Kranken wusch sie ab; sie reinigte sie selbst in ihrer edlen Gesinnung, mied nicht den Schmutz, noch schreckte sie vor üblem Geruch zurück. Des öfteren wusch sie den Schwestern, die außerhalb dienten, wenn sie zurückkehrten, die Füße und küßte sie nach dem Waschen. Einmal wusch sie einer Dienstschwester die Füße und beeilte sich, sie zu küssen. Jene aber zog, da sie solche Demut nicht ertrug, den Fuß weg und stieß dabei ihre Herrin mit dem Fuß an den Mund. Klara nahm den Fuß der Schwester sachte zurück und drückte auf die Fußsohle einen kräftigen Kuß.

Die heilige und wahre Armut
13.
Mit der Armut im Geiste, die wahre Demut ist, stimmte bei Klara die Armut im Materiellen überein. Daher ließ sie am Anfang ihrer Bekehrung zuerst ihr väterliches Erbe, das ihr zustand, veräußern. Für sich behielt sie nichts von dem Erlös zurück, alles teilte sie den Armen aus. Nachdem sie von jetzt an die Welt draußen verlassen hatte, im Inneren des Herzens aber reich geworden war, eilte sie frei, ohne Geldtasche, Christus nach. Schließlich schloß sie einen solch innigen Bund mit der heiligen Armut und liebte sie so sehr, daß sie nichts haben wollte außer den Herrn Jesus Christus und auch ihren Töchtern nichts zu besitzen erlaubte. Sie glaubte, man könne in keiner Weise die kostbarste Perle himmlischer Sehnsucht, die sie sich mit dem Verkauf all ihrer Güter erworben hatte, besitzen zusammen mit der nagenden Sorge um irdisches Gut. Immer wieder schärfte sie in wiederholtem Gespräch den Schwestern ein, nur dann werde eine Gemeinschaft Gott wohlgefällig sein, wenn sie an Armut reich sei. Nur dann werde sie Bestand haben, wenn sie stets durch den Turm der höchsten Armut gefestigt sei. Sie mahnte ihre Schwestern, im kleinen Nest der Armut dem armen Christus gleichförmig zu werden, ihm, den seine Mutter in die enge Krippe legte. Dieses besondere Erinnerungszeichen, gleichsam ein goldenes Juwel, heftete sie an ihre Brust, damit kein Erdenstaub mehr in ihr Inneres dringe.

14.
Da sie ihren Orden mit dem Ehrentitel der Armut benennen lassen wollte, erbat sie von Papst Innozenz III. seligen Andenkens das Privileg der Armut. Dieser hochherzige Mann beglückwünschte Klara zu solch glühendem Eifer und sagte, ihr Vorhaben sei einzigartig. Noch niemals sei ein solches Privileg vom Apostolischen Stuhl erbeten worden. Um der außergewöhnlichen Bitte mit außergewöhnlicher Huld entgegenzukommen, schrieb der Papst eigenhändig mit großer Freude den ersten Entwurf zu dem erbetenen Privileg. Der Herr Papst Gregor seligen Andenkens, ein Mann, ebenso würdig des päpstlichen Thrones wie wegen seiner Verdienste, liebte diese Heilige mit väterlicher Zuneigung noch inniger. Als er ihr zuredete, sie solle ob der Zeitläufte und Weltgefahren ihre Zustimmung geben, einige Besitzungen zu haben, die er ihr selbst freigebig anbot, widerstand sie mit unerschrockenem Mut und ließ sich nicht im geringsten dazu herbei. Da antwortete ihr der Papst: "Wenn du wegen des Gelübdes fürchtest, so entbinden Wir dich davon." Sie aber sprach: "Heiliger Vater, auf gar keine Weise will ich in Ewigkeit von der Nachfolge Christi befreit werden." Almosenreste und Brotstückchen, die die Almosensammler zusammentrugen, nahm sie besonders fröhlich an und, beinahe traurig über ganze Brote, freute sie sich um so mehr über Brotreste. Wozu noch viele Worte? Klara war es ernst, dem armen Gekreuzigten gleichförmig zu werden, damit kein vergängliches Ding die Liebende vom Geliebten trenne oder ihren Lauf in Verein mit dem Herrn behindere. Siehe, es ereigneten sich zwei Wunder, die die Liebhaberin der Armut zu wirken verdiente.

Das Wunder der Brotvermehrung
15.
Ein einziges Brot war nur noch im Kloster, als der Hunger und die Zeit zum Essen vor der Türe standen. Der herbeigerufenen Verteilerin befahl die Heilige, das Brot zu teilen, den einen Teil den Brüdern zu schicken, den anderen für die Schwestern zu behalten. Von der zurückbehaltenen Hälfte ließ sie gemäß der Anzahl der Frauen fünfzig Stücke schneiden und ihnen auf den Tisch der Armut legen. Da gab die fromme Tochter zur Antwort: "Hier wären die früheren Wunder Christi nötig, um von diesem so kleinen Brot fünfzig Teile zu erhalten." Darauf erwiderte die Mutter und sprach: "Meine Tochter, tu unbekümmert, was ich sage!" Die Tochter beeilte sich, der Mutter Auftrag zu erfüllen. Die Mutter aber beeilte sich, fromme Seufzer zu ihrem Herrn Jesus Christus für ihre Töchter zu entsenden. Da mehrte sich durch göttliche Freigebigkeit jenes kleine Brot in der Hand der austeilenden Schwester und alle in der Klostergemeinde bekamen ein reichliches Stück Brot.

Das andere Wunder von dem von Gott gespendeten Öl
16.
Eines Tages ging den Mägden Christi das Öl völlig aus, so daß nicht einmal für die Kranken etwas zum Würzen vorhanden war. Frau Klara, die Lehrmeisterin der Demut, nahm ein Gefäß und wusch es mit eigener Hand; sie stellte das leere Gefäß abseits, damit es der Bruder Almosensammler nehme. Der Bruder wurde gerufen, er solle Öl betteln gehen. Der treuergebene Bruder beeilte sich, solcher Not Abhilfe zu schaffen, und lief eiligst, das Gefäß zu holen. "Es kommt aber nicht auf das Wollen, noch auf das Laufen an, sondern auf Gottes Erbarmen.". Denn allein durch Gottes Wirken fand man das Gefäß mit Öl gefüllt. Das Gebet der heiligen Klara war der Dienstbeflissenheit des Bruders zuvorgekommen, den armen Töchtern zum Trost. Der genannte Bruder aber glaubte, man habe ihn umsonst gerufen und sagte zu sich: "Diese Frauen halten mich zum besten, denn siehe, das Gefäß steht ganz gefüllt da!"

Abtötung des Leibes
17.
Man sollte vielleicht über Klaras bewundernswerte Abtötung des Leibes lieber schweigen als reden, da sie Taten vollbrachte, bei denen die erstaunten Zuhörer an deren Wirklichkeit Zweifel bekommen könnten. Nicht das war das Große, daß sie ein einfaches Kleid und einen schäbigen Mantel aus rauhem Tuch trug, der ihren zarten Körper nur zudeckte, kaum aber warm hielt. Auch das war nicht erstaunlich, daß sie den Gebrauch von Fußbekleidung überhaupt nicht kannte. Nicht das war das Große, daß sie zu jeder Zeit fastete und immer ein Bett ohne Federn benützte. In all diesen Dingen nämlich verdiente sie vielleicht gar kein besonderes Lob, da auch die übrigen Schwestern in ihrem Kloster ein Ähnliches taten. Aber was soll man dazu sagen, daß sie auf ihrem jungfräulichen Körper ein Kleid aus Schweinehaut trug? Die heilige Jungfrau hatte sich nämlich ein Kleid aus Schweinehaut besorgt, das sie, mit den rauhen Borsten gegen das Fleisch gewendet, heimlich unter dem Gewand trug. Zuweilen benützte sie auch ein hartes, aus Roßhaaren knotig geflochtenes Bußkleid, das sie hie und da mit rauhen Stricken an den Körper schnürte. Dieses Bußgewand lieh sie einer ihrer Töchter, die darum bat; sie zog es an und spürte sogleich dessen Rauheit so arg, daß sie nach drei Tagen schneller darauf verzichtete, als sie es freudig erbeten hatte. Der blanke Boden und bisweilen Reisig von Weinstöcken waren ihr Lager. Ein hartes Holz diente ihrem Haupt als Kopfkissen. Mit der Zeit aber legte sie für ihren entkräfteten Körper eine Matte hin und bewilligte für ihr Haupt milde ein wenig Stroh. Nachdem ihren so streng behandelten Körper eine langwierige Krankheit zu befallen begann, benützte sie auf Geheiß des seligen Franziskus einen Strohsack.

18.
Ferner war im Fasten die Härte ihrer Abtötung so groß, daß sie von der kargen Labung, die sie nahm, kaum körperlich hätte leben können, wenn nicht eine andere Kraft sie aufrechtgehalten hätte. Ja, in gesunden Jahren fastete sie in der großen Fastenzeit und zum Martinifasten bei Wasser und Brot. Nur an Sonntagen kostete sie vom Wein, wenn sie ihn hatte. Und, damit du bestaunst, lieber Leser, was du nicht nachahmen kannst: an drei Tagen in der Woche, nämlich am Montag, Mittwoch und Freitag, nahm sie in jenen Fastenzeiten überhaupt keine Speise zu sich. So folgten abwechselnd Tage kärglicher Stärkung und Tage vollendeter Abtötung aufeinander, so daß gleichsam eine Vigil mit vollkommenem Fasten von einem Fest, bei dem es Wasser und Brot gab, abgelöst wurde. Es ist nicht verwunderlich, wenn Klara sich durch eine so lange Zeit eingehaltene Strenge Krankheiten zuzog, wenn sie ihre Kräfte verzehrte, wenn sie die Lebenskraft ihres Körpers schwächte. Deshalb litten mit der heiligen Mutter die treu ergebenen Töchter und beweinten jenen vielfachen Tod, den sie täglich freiwillig auf sich nahm. Schließlich verboten der selige Franziskus und der Bischof von Assisi der heiligen Klara jenes lebensgefährliche dreitägige Fasten und befahlen ihr, keinen Tag vorübergehen zu lassen, ohne wenigstens anderthalb Unzen Brot als Nahrung zu sich zu nehmen. Wenn sonst schwere körperliche Qual gewöhnlich auch seelische Qual erzeugt, so trat bei Klara ganz anderes zutage: Sie bewahrte bei all ihrer Abtötung eine fröhliche, heitere Miene, so daß sie körperliche Bedrängnis entweder nicht zu spüren oder sie zu belächeln schien. Daraus ist klar zu ersehen, daß die heilige Freude, von der sie innerlich überströmte, nach außen überfloß; denn die Liebe des Herzens erleichtert die Züchtigung des Leibes.

Übung heiligen Gebetes
19.
Und wie sie dem Fleische nach schon vor dem Tod gestorben war, so war sie der Welt gänzlich entfremdet. Ständig beschäftigte ihre Seele sich mit heiligen Gebeten und göttlichen Lobpreisungen. Den glühenden Blick ihrer inneren Sehnsucht hatte sie schon fest auf das Licht hin gerichtet; da sie den Bereich der wandelbaren irdischen Dinge überschritten hatte, öffnete sie ihr Herz um so weiter dem Strom der Gnaden. Noch lange Zeit betete sie nach der Komplet mit den Schwestern und rührte, wie sie selbst in Tränen ausbrach, auch die übrigen zu Tränen. Nachdem jedoch die anderen Schwestern darangingen, ihre müden Glieder auf hartem Lager neu zu stärken, harrte sie selbst, stets wachsam und unerschütterlich, im Gebete aus, damit sie heimlich den Inhalt des göttlichen Flüsterns erlausche, wenn tiefer Schlaf die anderen überkommen hatte. Sehr oft warf sie sich zum Gebet auf ihr Antlitz nieder, benetzte den Boden mit Tränen und liebkoste ihn mit Küssen, so daß es schien, als halte sie stets ihren Jesus in Händen, auf dessen Füße sie jene Tränen fließen ließ und ihre Küsse aufdrückte. Als sie einmal tief in der Nacht weinte, stand neben ihr der Engel der Finsternis in Gestalt eines schwarzen Knäbleins, redete ihr zu und sprach: "Weine nicht so, denn sonst wird du blind!" Als sie aber auf der Stelle zur Antwort gab: "Der wird nicht erblinden, der Gott schaut", zog jener verwirrt ab. In der gleichen Nacht, als Klara nach der Matutin, wie gewöhnlich von Tränen überströmt, betete, kam der betrügerische Warner abermals und sagte: "Weine nicht so viel, damit du nicht dein nach so langer Zeit erweichtes Hirn durch die Nase herausschneuzest; und außerdem wirst du noch eine krumme Nase bekommen." Da erwiderte sie ihm schnell: "Dem wird nichts gekrümmt, der Gott dient."

20.
Welche Festigung ihrer selbst Klara im Glutofen glühenden Gebetes empfing, wie sehr ihr die göttliche Güte bei jenem Genuß süß wurde, bezeugen einfache Aussagen. Wenn sie nämlich vom heiligen Gebet zurückkehrte, brachte sie vom Feuer des Altares des Herrn glühende Worte mit, die auch die Herzen der Schwestern entflammten. Diese wunderten sich, daß solche Süße aus ihrem Mund komme und ihr Gesicht noch heller strahlte als sonst. Gewiß hatte Gott in seiner Güte für die Arme gesorgt und ließ ihre Seele, die im Gebet vom wahren Licht erfüllt war, auch in ihrem Leib sich widerspiegeln. So war sie in der wankelmütigen Welt ihrem edlen Bräutigam nicht wankelmütig verbunden und fand fortwährend ihre Wonne in himmlischen Dingen. Derart in dem sich drehenden Kreislauf (der Zeit) durch unwandelbare Tugend gestützt und in zerbrechlichem Gefäß den Schatz der Glorie bergend, weilte sie dem Leibe nach auf Erden, dem Geiste nach im Himmel. Sie hatte die Gewohnheit, zur Matutin ihren jungen Schwestern zuvorzukommen, die sie schweigend durch ein Zeichen weckte und zum Lobgebet rief. Oft, wenn die anderen noch schliefen, zündete sie die Lichter an, oft läutete sie selbst mit eigener Hand die Glocke. Es gab in ihrem Kloster keinen Platz für Lauheit, keinen Platz für Trägheit, wo ermutigende Anregung die Unlust zu beten und Gott zu dienen anspornte.

Von Wunderwerken, die durch Klaras Gebet geschahen:
Zuerst, wie die Sarazenen wunderbarerweise in die Flucht geschlagen wurden

21.
Hier sollen wahrheitsgetreu die Großtaten ihrer Gebete erzählt werden; denn so sind sie auch höchst verehrungswürdig. In jenem Sturm, den die Kirche unter Kaiser Friedrich in verschiedenen Teilen der Welt ertragen mußte, bekam das Spoletotal häufiger den Becher des Zornes zu trinken. Dort lagerten auf kaiserlichen Befehl Scharen von Kriegsvolk und sarazenischen Bogenschützen gleich Bienenschwärmen, um Festungen zu zerstören und Städte zu erobern. Als die Feinde in ihrer Wut sich einmal auf Assisi, die Stadt, die der Herr besonders liebte, stürzten und das Heer sich sogar schon den Stadttoren näherte, drangen die Sarazenen, ein schlimmes Volk, das nach dem Blut der Christen dürstet und jeglichen Frevel schamlos wagt, bei S. Damiano in die Gemarkungen des Ortes ein, ja sogar in das Kloster der Jungfrauen selbst. Die Frauen vergingen vor Angst, ihre Stimmen erzitterten vor Furcht, und sie brachten ihr Wehklagen zur Mutter hin. Sie aber, die krank darniederlag, ließ sich furchtlos zur Türe führen, vor die Feinde hinlegen und vor sich her ein silbernes, innen mit Elfenbein ausgelegtes Kästchen tragen, in dem der Leib des Heiligen der Heiligen andächtigst verehrt wurde.

22.
Als Klara sich im Gebet Christus, ihrem Herrn, ganz und gar anheimgegeben hatte, sprach sie unter Tränen: "Willst du, mein Herr, deine wehrlosen Mägde, die ich mit deiner Liebe aufgezogen habe, den Händen der Heiden überliefern? Beschirme, Herr, ich bitte dich, diese deine Dienerinnen, die ich eben jetzt nicht mehr beschützen kann." Bald hörte sie vom neuen Gnadenthron her eine Stimme wie die eines Knäbleins an ihr Ohr dringen: "Ich werde euch immer behüten." "Mein Herr", sprach sie weiter, "und wenn es dir gefällt, so schütze auch diese Stadt, die uns um deiner Liebe willen ernährt." Und Christus antwortete ihr: "Schwere Heimsuchungen wird sie bestehen müssen, aber durch meinen Schutz wird sie sich behaupten." Da erhob die Jungfrau ihr tränenvolles Antlitz und stärkte die weinenden Schwestern, indem sie sagte: "Im Glauben beschwöre ich euch, meine Töchter, kein Leid wird uns geschehen, vertraut nur auf Christus!" Siehe, ohne Verzug, sogleich war der Verwegenheit jener Hunde eine Schranke gesetzt, und sie zitterten. Schleunigst flohen sie über die Mauern, die sie bestiegen hatten, und mußten der Macht der Beterin weichen. Sogleich verbot Klara jenen, die die erwähnte Stimme gehört hatten, folgendes, indem sie in strengem Ton sagte: "Hütet euch auf jegliche Weise, liebste Töchter, mit jemandem, solange ich lebe, über jene Stimme zu sprechen!"

Noch ein anderes Wunder von der Befreiung der Stadt
23.
Zu einer anderen Zeit führte Vitalis von Aversa, ein ehrgeiziger und im Kampf beherzter Mann, das kaiserliche Heer, in dem er Hauptmann war, gegen Assisi heran. Er ließ im Lande alle Bäume fällen, verwüstete die ganze Umgebung und schickte sich dann an, die Stadt zu belagern. Mit drohenden Worten versicherte er, keinesfalls von dort zu weichen, bis er nicht die Stadt selbst in seiner Hand hätte. Und schon war es so weit gekommen, daß man binnen kurzem für die Stadt das Äußerste befürchten mußte. Als Klara, die Magd Christi, das hörte, seufzte sie tief, rief ihre Schwestern zu sich und sprach: "Von dieser Stadt, liebste Schwestern, haben wir täglich viel Gutes empfangen. Sehr unrecht wäre es, ihr nicht zur rechten Zeit, soviel wir können, zu Hilfe zu eilen." Klara ließ Asche herbeibringen und die Schwestern das Haupt entblößen. Nun bestreute sie zuerst ihr eigenes enthülltes Haupt mit viel Asche; dann legte sie die Asche auf der Schwestern Haupt und sprach: "Auf zu unserem Herrn! Erbittet mit ganzer Hingebung die Befreiung der Stadt!" Was soll ich die Tränen der Jungfrauen, was ihre ungestümen Bitten wiederholen? Der barmherzige Gott schuf am folgenden Morgen mit der Versuchung auch den guten Ausgang: Das ganze Heer löste sich auf und der stolze Mensch mußte abziehen, ohne sein Drohen verwirklicht zu haben. Er belästigte fernerhin jenes Land nicht mehr. Er selbst, der Anführer des Krieges, kam bald darauf um durch das Schwert.

Die Kraft ihres Gebetes bei der Bekehrung ihrer leiblichen Schwester
24.
Wahrlich, auch jene wunderbare Kraft ihres Gebetes darf nicht mit Stillschweigen übergangen werden, die gerade am Anfang ihrer Bekehrung eine Seele zu Gott hinführte und die Bekehrte in Schutz nahm. Sie hatte nämlich eine Schwester, durch Geburt und Reinheit, die in zartem Alter war. Klara ersehnte ihre Bekehrung und erflehte unter den Erstlingen ihrer Gebete, die sie voller Inbrunst vor Gott brachte, vor allem dies: Wie sie nämlich in der Welt ein Herz und eine Seele waren, so erbat sie jetzt mit noch größerer Eindringlichkeit, es möge ein gemeinsamer Wille nunmehr beide im Dienste Gottes beseelen. Inständig bat sie also den Vater der Erbarmungen, die Welt möge ihrer Schwester Agnes, die sie im Vaterhaus zurückgelassen hatte, nichtig erscheinen. Gott allein möge sie beglücken und sie von der Absicht einer irdischen Hochzeit weg zur Vereinigung mit seiner Liebe lenken, damit sie sich gemeinsam mit ihr in ewiger Jungfräulichkeit dem Bräutigam der Herrlichkeit vermähle. Eine wunderbare Liebe hatte nämlich beide beseelt, die die unerhörte Trennung beiden schmerzlich gemacht hatte, wenn auch ihre Gefühle sehr verschieden waren. Schnell erhörte die göttliche Majestät die hervorragende Beterin und gewährte ihr jenes erste Geschenk, um das sie vornehmlich gefleht hatte, und das zu gewähren Gott noch mehr freute. Denn nach sechzehn Tagen, von Klaras Bekehrung an gerechnet, eilte Agnes, vom Geiste Gottes angerührt, zur Schwester und teilte ihr das Herzensgeheimnis ihres Entschlusses mit. Sie sagte, sie wolle Gott voll und ganz dienen. Und jene umarmte sie voll Freude und sprach: "Ich danke Gott, liebste Schwester, daß er mich erhört hat, denn ich war voller Sorge um dich."

25.
Auf die wunderbare Bekehrung folgte eine wahrhaft bewundernswerte Rechtfertigung. Während nämlich die glücklichen Schwestern bei der Kirche S. Angelo de Panzo Christi Fußspuren nachfolgten und Klara, die schon größere Fortschritte zum Herrn gemacht hatte, ihre Novizin und leibliche Schwester unterrichtete, entbrannten plötzlich gegen die jungen Frauen neue Anfeindungen von seiten der Verwandten. Denn als sie hörten, Agnes sei zu Klara gegangen, eilten am folgenden Tag zwölf wutentbrannte Männer zu der Niederlassung, ließen nach außen nichts von ihrer geplanten Bosheit merken und schützten vor, friedlich hineingehen zu wollen. Bald wandten sie sich an Agnes, denn an Klara hatten sie schon vorher verzweifelt, und sprachen: "Wie bist du in diese Niederlassung gekommen? Beeile dich, so schnell wie möglich mit uns nach Hause zurückzukehren!" Als sie erwiderte, sie wolle sich nicht von ihrer Schwester Klara trennen, stürzte sich ein Ritter voll Wut auf sie und versuchte, Faustschläge und Fußtritte nicht sparend, sie an den Haaren fort-zuschleppen, wobei die anderen sie vorwärtsstießen und auf ihre Arme hoben. Das junge Mädchen schrie, während sie, wie von Löwen gepackt, aus der Hand des Herrn mit Gewalt fortgeführt werden sollte: "Hilf mir, liebste Schwester, und laß nicht zu, daß ich Christus, dem Herrn, entrissen werde!" Als nun die gewalttätigen Räuber das sich widersetzende Mädchen über den Bergabhang hinabzerrten, ihre Kleider zerrissen und die Wege mit den ausgerissenen Haaren besäten, lag Klara unter Tränen im Gebet. Sie flehte, ihrer Schwester möge Mut und Standhaftigkeit zuteil werden; göttliche Macht möge menschliche Kraft besiegen, war ihre Bitte.

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Sofort schien ihr am Boden liegender Körper mit solch schwerem Gewicht festgemacht zu sein, daß mehrere Männer, die sich mit allen Kräften mühten, nicht im geringsten imstande waren, sie über einen kleinen Bach zu tragen. Es eilten auch andere Leute von den Feldern und Weinbergen herbei und bemühten sich, jenen Hilfe zu leisten. Aber auch sie konnten jenen Körper auf keine Weise vom Boden aufheben. Da sie bei ihrem Bemühen müde wurden, wollten sie das Wunder durch ein spöttisches Wort zunichte machen, indem sie sagten: "Sie hat die ganze Nacht Blei gegessen, und deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn sie schwer ist." Herr Monald, ihr Onkel, hob in schäumender Wut den Arm, um Agnes einen tödlichen Faustschlag zu versetzen. Plötzlich aber fuhr ein rasender Schmerz in die erhobene Hand, und peinigender Schmerz quälte sie für längere Zeit. Doch siehe, nach diesem langen Kampf begab sich Klara an den Platz und bat die Verwandten, von solchem Streite abzustehen und die halbtot daliegende Agnes ihrer Sorge anzuvertrauen. Als aber die Verwandten sich unverrichteter Dinge mit Bitterkeit im Herzen zurückgezogen hatten, erhob sich Agnes glückselig. Schon freute sie sich über das Kreuz Christi, für den sie diese erste Schlacht geschlagen hatte, und widmete sich für immer dem Dienste Gottes. Dann schnitt ihr der selige Franziskus mit eigener Hand das Haar ab und unterrichtete sie zusammen mit ihre Schwester über den Weg des Herrn. Weil aber eine kurze Abhandlung die erhabene Vollkommenheit ihres Lebens nicht zu schildern vermöchte, wende sich der Bericht wieder Klara zu.

Ein anderes Wunder: Vertreibung böser Geister
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Es ist nicht verwunderlich, daß Klaras Gebet gegen die Bosheit der Menschen wirksam war, wenn es sogar böse Geister "in Brand steckte". Eine fromme Frau aus der Diözese Pisa kam einmal zum Kloster, um Gott und der heiligen Klara dafür zu danken, daß sie durch ihre Verdienste von fünf bösen Geistern befreit worden sei. Die bösen Geister gestanden nämlich bei der Austreibung, sie seien nur durch die Gebete der heiligen Klara in Brand gesteckt und aus dem Gefäß, dessen sie sich bemächtigt hatten, vertrieben worden.

Nicht ohne Grund hatte der Herr Papst Gregor auf das Gebet dieser Heiligen, deren Kraft er für wirksam hielt, ein wunderbares Vertrauen. Oft, wenn eine Schwierigkeit auftauchte, wie es zu geschehen pflegt, bat er sowohl als Bischof von Ostia als auch, nachdem er zur höchsten apostolischen Würde emporgestiegen war, demütig flehend in einem Brief jene Jungfrau um ihre Fürbitte und erfuhr Hilfe. Die Sache ist sicherlich so mit ganzem Eifer nachzuahmen, wie sie auffallend ist durch die Demut, wenn doch Christi Stellvertreter von Christi Magd Hilfe dringend verlangt und sich ihrer mächtigen Fürbitte empfiehlt. Er wußte wohl, was Liebe vermag und welch freien Zugang reine Jungfrauen zum Throne der Majestät haben. Wenn nämlich der König des Himmels selbst sich denen, die ihn glühend lieben, mitteilt, warum sollte er nicht den fromm Bittenden, wenn es förderlich ist, willfahren?

Klaras wunderbare Verehrung des Altarsakraments
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Wie groß die liebende Hingabe der seligen Klara an das Sakrament des Altares war, zeigt ihre Tätigkeit. In jener schweren Krankheit nämlich, die sie ans Krankenbett fesselte, ließ sie sich aufsetzen und durch angebrachte Stützen aufrecht halten. So saß sie und wirkte sehr kostbares Linnen. Daraus fertigte sie über fünfzig Korporalien, schloß sie in seidene oder purpurne Bursen und bestimmte sie für verschiedene Kirchen in Berg und Tal um Assisi.

Wenn sie aber den Leib des Herrn zu empfangen sich anschickte, wurde sie zuerst von heißen Tränen überströmt; trat sie dann mit Zittern herzu, so erschauerte sie nicht weniger vor dem im Sakrament verborgenen, als vor dem Himmel und Erde beherrschenden Herrn.

Eine wahrhaft wunderbare Tröstung, die ihr der Herr in der Krankheit spendete
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Wie sie aber in der Krankheit immer dachte an Christus, so suchte auch Christus sie heim in ihrem Leiden. In jener Weihnachtsstunde, wo die Welt mit den Engeln dem neugeborenen Kinde zujubelt, gingen die Frauen alle zur Matutin in das Oratorium und ließen die schwerkranke Mutter allein. Da begann sie an das Jesuskind zu denken, und es schmerzte sie sehr, daß sie nicht an den Lobgesängen der Schwestern teilnehmen konnte. Sie seufzte und sprach: "Herr, Gott, siehe , ganz allein hat man mich bei dir zurückgelassen an diesem Ort." Da begann plötzlich jener wunderbare Gesang, der in der Kirche des heiligen Franziskus zu erschallen pflegte, an ihr Ohr zu dringen. Sie hörte den Jubel der psallierenden Brüder, vernahm die Harmonien der Sänger, ja sogar den Ton der Musikinstrumente hörte sie. Der Ort war aber keineswegs so nahe, daß Klara dies hätte vernehmen können, wenn nicht entweder jene Feierlichkeit durch göttliche Fügung bis zu ihr gedrungen oder ihr Gehör über jede menschliche Möglichkeit hinaus geschärft worden wäre. Was aber dieses ganze Wunder noch übertraf, war die Tatsache, daß sie auch gewürdigt wurde, die Krippe des Herrn selbst zu sehen. Als am Morgen die Töchter zur seligen Klara kamen, sprach sie: "Gepriesen sei der Herr Jesus Christus, der, als ihr mich verlassen habt, mich nicht allein ließ. Ich habe wirklich durch Christi Gnade den ganzen Festgottesdienst, der heute in der Kirche des heiligen Franziskus gefeiert wurde, gehört."

Ihre überaus glühende Liebe zum Gekreuzigten
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Innig vertraut war ihr das Wehklagen über das Leiden des Herrn. Seine heiligen Wunden waren ihr sowohl eine Quelle bitterer Empfindungen, als auch der Grund, süßere Freuden zu meiden. Die Tränen über den leidenden Christus machten sie ganz trunken und ihn, den die Liebe ihrem Herzen noch tiefer eingedrückt hatte, stellte sie sich oft im Geiste vor. Sie leitete ihre Novizinnen an, Christus den Gekreuzigten, zu beklagen und, was sie in Worten lehrte, das zeigte sie durch ihr Beispiel. Denn häufig, wenn sie still zu solchem Tun ermahnte, strömte sie über von Tränen, bevor sie zu reden anfing. Beim Stundengebet der Sext und Non wurde sie gewöhnlich von größerem Schmerz ergriffen, um mit dem geopferten Herrn geopfert zu werden. Als sie aber einmal zur Zeit der Non in ihrer Zelle betete, schlug sie der Teufel so auf die Wange, daß sich das Auge mit Blut, die Wange mit einem blauen Fleck bedeckte. Um sich jedoch ohne Unterlaß in die Schau des Gekreuzigten zu versenken, verrichtete sie immer wieder ein Gebet von den fünf Wunden des Herrn. Sie lernte das Kreuzoffizium, so wie es Franziskus, der Liebhaber des Kreuzes, zusammengestellt hatte, und betete es häufig mit ganz ähnlicher Liebe. Ihren bloßen Leib umgürtete sie mit einem Strick, der mit dreizehn Knoten versehen war, ein heimliches Erinnerungszeichen an die Wunden des Erlösers.

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