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"Herr, sei gelobt, weil du mich erschaffen hast"
Leben der Heiligen Klara - Thomas von Celano
Einleitender Brief an den Papst zur Legende der heiligen Klara
1.
In einer fast schon greisenhaft gewordenen, absterbenden Welt, in der sich die Sicht aus dem Glauben verdunkelte, der sittliche Wandel wankte, die Tatkraft der Männer erlahmte; ja, in einer Zeit, wo Schmutz und Laster sich verbündeten, da erweckte Gott, der die Menschen liebt, aus seiner geheimnisvollen Güte ganz neue heilige Orden. Mit ihnen stützte er fürsorglich den Glauben und erneuerte die sittliche Zucht. Ich möchte diese neuartigen Väter zusammen mit ihren echten Nachfolgern Leuchten des Erdkreises, Wegweiser und Lehrer des Lebens heißen. In ihnen leuchtete der abendlich untergehenden Welt eine Heiligkeit auf wie am Mittag, damit sie, die im Finstern wandelte, das Licht sehe.
2.
Auch dem "schwächeren" Geschlecht durfte die Hilfe nicht fehlen, da es, vom Wirbel der Lust erfaßt, kein geringerer Wille zum Sündigen hinzog und eine noch größere Gebrechlichkeit dazu antrieb. Deshalb erweckte der gütige Gott die ehrwürdige Jungfrau Klara und zündete in ihr der Frauenwelt eine Lampe an, so hell und klar, die auch Du, Heiliger Vater, auf den Leuchter stelltest, daß sie allen leuchte, die im Hause sind. Die Kraft ihrer Wunder bezwang Dich, sie in das Verzeichnis der Heiligen einzuschreiben.
3.
In Dir ehren wir den Vater dieser Orden, Dich kennen wir als ihren Erzieher, Dich umfangen wir als ihren Beschützer, Dich verehren wir als ihren Herrn. Obwohl Dich die gesamte Lenkung des riesengroßen Schiffes25 so sehr in Anspruch nimmt, schließt sie dennoch Deine einzigartige und eifrige Fürsorge auch für das kleine Schifflein nicht aus.
4.
Fürwahr, Euere Herrlichkeit hat meiner Wenigkeit aufzuerlegen geruht, die Akten der heiligen Klara durchzusehen und eine Beschreibung ihres Lebens zu verfassen, gewiß ein Werk, vor dem ich in meiner literarischen Unbildung zurückgeschreckt wäre, wenn nicht Euere päpstliche Autorität immer wieder von neuem den Auftrag vor mir wiederholt hätte. So faßte ich Mut für diese Aufgabe. Wenn ich nicht sicher war, was ich bei fehlerhafter Lesung weiter machen sollte, ging ich zu den Gefährten des seligen Franziskus und zum Kloster der Jungfrauen Christi selber. Dabei überlegte ich mir oft, daß eigentlich nur Augenzeugen oder jene, die von solchen unterrichtet worden sind, von altersher Geschichte schreiben durften.
5.
Solche, betone ich, setzten mich wahrheitsgetreu und gottesfürchtig in vollere Kenntnis. So sammelte ich gar manches, anderes mußte ich fallen lassen und schrieb es dann in leichtverständlicher Sprache nieder. Mit Freude werden die Jungfrauen die Großtaten der Jungfrau Klara lesen. Deshalb soll ihr unverbildeter Verstand keine vom Wortlaut verdunkelten Stellen darin finden. Die Männer sollen den Männern nachfolgen, den neuen Jüngern des menschgewordenen Wortes; die Frauen mögen Klara nachahmen, ein Nachbild der Mutter Gottes, eine neue Führerin der Frauen.
6.
Euch aber, Heiliger Vater, bleibt die volle Gewalt, in dieser Legende zu verbessern, zu streichen und hinzuzufügen; so will ich es, in allem untertänig und einverstanden. Unser Herr Jesus Christus lasse es Euch wohlergehen, jetzt und in der Ewigkeit. Amen.
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