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"Herr, sei gelobt, weil du mich erschaffen hast"
Leben der Heiligen Klara - Thomas von Celano
Einführung
Aus Anlaß der Heiligsprechung Klaras am 15. August 1255 gab Papst Alexander IV. (1254-1261) eine Legende der neuen Heiligen in Auftrag, die in zahlreichen Handschriften erhalten ist. Wie aus dem Prolog hervor-geht1, wurde die Abfassung der Legende bald nach der Kanonisation in Angriff genommen. Man vermutet, daß das Werk bereits 1256 abgeschlossen war. F.Pennacchi publizierte 1910 eine lateinische Textausgabe, die auf dem Codex 338 der Biblioteca Comunale von Assisi basiert. Dem Herausgeber lagen im allgemeinen vollständige Handschriften vor, von denen er aber nur sieben verwendete. Inzwischen sind noch über ein Dutzend weitere Handschriften bekannt geworden.
Im Hinblick auf den Text der Legende, auch Vita genannt, interessiert zunächst die Frage nach dem Verfasser. Die überlieferten Handschriften nennen in der Regel keinen Namen. Das Incipit der Vorlage, die von den Bollandisten für ihre Ausgabe verwendet wurde, lautet (vorausgesetzt, die Editoren habe es wörtlich wiedergegeben): "Es beginnt das Leben der heiligen Jungfrau Klara, das der fromme Kirchenlehrer Bonaventura verfaßt hat." Tatsächlich hielt man lange den heiligen Bonaventura für den Autor der Legende. Ein Vergleich dieser Legende mit Bonaventuras Franziskus-Legenden liefert freilich keinerlei Anhaltspunkte dafür. Dagegen fällt die Verwandtschaft mit den Franziskus-Legenden des Thomas von Celano schon bei flüchtiger Lektüre ins Auge. Darum bemühte sich auch Pennacchi um den Nachweis der Autorschaft Celanos, wenngleich nicht alle von ihm angeführten Argumente gleichermaßen überzeugen. M.Faßbinder und F.Casolini griffen das Problem in größerem Rahmen nochmals auf und konnten die Autorschaft des Thomas von Celano erhärten.
In diesem Zusammenhang muß auch auf eine philologische Arbeit über Celanos Latein hingewiesen werden, die von P.Hoonhout stammt und leider nicht die gebührende Beachtung und Verbreitung gefunden hat - vermutlich deshalb, weil das Buch in niederländischer Sprache verfaßt ist. Im Anhang II geht der Verfasser von philologischen Aspekten her der Frage nach: "Ist Celano der Verfasser der Legenda sanctae Clarae?" Hoonhout greift dabei, wie er sagt, "willkürlich" ein Kapitel heraus, nämlich das 25., analysiert den lateinischen Text und gelangt dann zu folgendem Urteil: "Auch wenn es richtig ist, daß viele von den angedeuteten Phänomenen nicht ausschließlich Celano zugeschrieben werden können, sondern allgemein typisch für das mittelalterliche Latein sind, so bleibt doch die große Häufigkeit der Übereinstimmungen zwischen der Syntax der Legenda S. Clarae und der Franziskusviten auffallend." Diese Feststellung eines Philologen ist immerhin beachtenswert.
Darüber hinaus kann ein Zeugnis auf die Verfasserschaft Celanos hinweisen, das zwar nicht der ältesten Zeit angehört, aber dennoch dafür spricht, daß die Zuschreibung der Legenda S. Clarae an Thomas von Celano im Mittelalter als Tradition durchaus lebendig war: Ein unbekannter toskanischer Minderbruder schrieb am Ende des 15. bzw. zu Anfang des 16. Jahrhunderts eine "Vita di Santa Chiara" und nennt in seinem Prolog nicht weniger als viermal Thomas von Celano den Verfasser der Legende der heiligen Klara. Wenn hier tatsächlich ein Verfassername "gesucht" oder gar in verfälschender Absicht eingesetzt worden wäre, dann hätte der berühmtere Name des heiligen Bonaventura zweifellos näher gelegen.
Noch wichtiger als die Frage nach der Entstehungszeit und der Autorschaft ist jene nach dem quellenmäßigen Wert der Legende der heiligen Klara. Aus dem Prolog geht hervor, daß dem Verfasser die "acta sanctae Clarae", d.h. der Heiligsprechungsprozeß und die Heiligsprechungsbulle, als Vorlagen dienten. War er sich seiner Sache an einer Stelle nicht sicher oder glaubte er Lücken bzw. fehlerhaftes Material und Unstimmigkeiten vor sich zu haben, dann ging er "zu den Gefährten des seligen Franziskus und zum Kloster der Jungfrauen selber". Er suchte also die Schwestern der heiligen Klara in S. Damiano auf oder die Gefährten des heiligen Franziskus. Aus letzterem wollte man den Schluß ziehen, der Verfasser der Legende habe gar nicht dem Minderbrüderorden angehört. Dieser Schluß ist jedoch nicht stichhaltig, weil die "Gefährten des seligen Franziskus" niemand anderes sind als seine "vertrauten Gefährten", wie u.a. aus der Dreigefährtenlegende und aus 2 Celano bekannt ist.
Der Verfasser der Legende der heiligen Klara fügt noch folgende Bemerkung hinzu: "Dabei überlegte ich mir oft, daß eigentlich nur Augenzeugen oder jene, die von solchen unterrichtet worden sind, von altersher Geschichte schreiben durften." Dieses Zeugnis ist wertvoll, weil es für die subjektive Zuverlässigkeit der Arbeit des Autors bürgt. Wenn er auch selbst nicht Augenzeuge war und den Unsicherheiten mündlicher Berichterstattung nicht entgehen konnte, so muß man ihm und seinem Werk doch einen hohen Grad an Wahrhaftigkeit zubilligen.
Überdies darf die Tatsache nicht vergessen werden, daß Heiligenlegenden im Mittelalter prinzipiell keine Biographien im modernen Sinn darstellen (wollen). Nach heutigem Verständnis scheint den mittelalterlichen Autoren die Kunst des Charakterisierens und Individualisierens zu fehlen. Sie betrachten ihre Heiligen weniger von der menschlichen Seite her, ja, sie wollen sie gar nicht auf dieser Ebene sehen, sondern statt dessen "von oben her" in den Blick nehmen. Was nach ihrer Meinung der Heiligkeit Abbruch tun könnte, wird beinahe ängstlich vermieden. Andererseits suchten sie eifrig, auch ganz natürliche und menschliche Züge oder Begebenheiten übernatürlich zu erklären. Dies soll kein abwertendes Urteil sein, sondern der Hinweis darauf, daß auch sie Kinder ihrer Zeit waren. Schließlich bleibe dahingestellt, wer den Heiligen und ihrem Leben besser gerecht wird, heutige Menschen, die allzu gern das Eigene in die Heiligen hineinprojizieren, oder mittelalterliche Menschen, die die Heiligen fast nur im Licht des Jenseits sahen.
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