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"Lob sei dir, Herr, für Schwester Klara"

Klara von Assisi, die neue Frau
Brief der vier Generalminister der Franziskanischen Familie
an alle Klarissen, an alle klausurierten Franziskanerinnen,
an diejenigen, die in aller Welt Klara und Franziskus lieben,
aus Anlaß des achten Jahrhunderts der Geburt der heiligen Klara (1193-1993)

Einleitung
"Klara und Franziskus: zwei untrennbare Legenden"

I. Madonna Chiara - Frau Klara
Die junge Klara in ihrer familiären und kulturellen Umgebung
Die Zeugnisse der Jugend
Beginn der Bekehrung
Reife Ausgeglichenheit
Die "starke Frau" (mulier fortis)
Zärtlichkeit der "Frau" Klara

II. Chiara Donna "Christiana " - Die christliche Frau Klara
Das Testament
Der Segen
Die Lebensform
Der letzte Wille
Brief an Agnes
Das Privileg der Armut
Die Regel
"Hört, kleine Arme"

III. Chiara Donna fedele - Klara, die treue Frau
Sorge um die menschliche Schwäche
"Befolge den Rat des Generalministers"
"Wir sind der Spiegel"
"Christus wird uns die Kraft geben, auszuharren"

IV. Fedeli a Chiara nel nostro Tempo - Treue zu Klara in unserer Zeit
Es ist der Geist, der lebendig macht
In der Einheit der Franziskanischen Familie
Im Geist und Leben des Gebetes
Mit der Kraft und der Zärtlichkeit des Temperamentes Klaras
Mit der Weisheit des Herzens
Das Geheimnis der Klausur
In der alten Frische der Klausur
Auf dem Weg in die Zukunft mit Unterscheidungsvermögen

Schlußwort
Die "Lehre von Assisi"

Anmerkungen


Einleitung (1)

"Klara und Franziskus: zwei untrennbare Legenden"
I. Von historischer Bedeutung ist der Besuch von Papst Johannes Paul II. im Protomonasterium zu Assisi am 12. März 1982 wegen seiner improvisierten Ansprache. Aufgrund einer persönlichen Intuition machte er einige Äußerungen, die bisher nie von einem Papst über Franziskus und Klara, sowie ihr Verhältnis zueinander gemacht worden waren.
"... Es ist wirklich schwierig", sagte der Papst, "die beiden Namen Franziskus und Klara voneinander zu trennen. Es sind zwei Phänomene. Es sind zwei Legenden ... Wenn ihr den Jahrestag der heiligen Klara begeht, müßt ihr dies sehr feierlich tun. Es ist schwierig, ihre Namen voneinander zu trennen. Es gibt zwischen ihnen etwas Tiefes, das nur mit Hilfe der Kriterien franziskanischer, christlicher, evangelischer Spiritualität verstanden werden kann, nicht aber mit menschlichen Kriterien. Der Doppelname Franziskus - Klara ist eine Wirklichkeit, die nur durch christliche, geistliche, himmlische Kategorien verstanden werden kann; gleichzeitig aber ist es eine Realität dieser Erde, dieser Stadt, dieser Kirche.
Alles nahm hier Gestalt an. Es handelt sich nicht um reinen Geist; es waren nicht reine Geister. Es waren Personen, Körper und Geist. Aber in der lebendigen Tradition der Kirche, des gesamten Christentums, der Menschheit, bleibt nicht nur diese Legende. Es bleibt die Art und Weise, in der Franziskus seine Schwester sah, die Art und Weise, in der er die Ehe mit Christus einging; er sah sich selbst als ihr Ebenbild, als Bild der Braut Christi, der mystischen Braut, nach dem er seine Heiligkeit formte...
Er sah sich selbst als einen Bruder, einen Armen nach dem Bild der Heiligkeit dieser echten Braut Christi, in der er das Bild der vollkommenen Braut des Heiligen Geistes, der heiligen Maria, fand ...
Dies ist der Ort, an dem vor acht Jahrhunderten viele Pilger zusammenkamen, um die göttliche Legende Klaras an der Seite des Franziskus zu betrachten, eine Legende, die großen Einfluß auf das Leben der Kirche und die Geschichte der christlichen Spiritualität ausübte.
In unserer Zeit ist es notwendig, die Entdeckung der heiligen Klara zu erneuern, weil dies für das Leben der Kirche bedeutsam ist; die Wiederentdeckung dieses Charismas und dieser Berufung ist notwendig. Die Wiederentdeckung der göttlichen Legende des Franziskus und der Klara ist notwendig." (2)

2. Ausgehend von diesem Wort - einzigartig in der Franziskanischen Geschichte - kann man die fundamentale Einheit und Gegenseitigkeit des evangelischen Lebens verstehen, die im Leben von Franz und Klara Gestalt annahm. Sie folgten im Geist dem Herrn und seiner Mutter nach, in der Kirche und für die Kirche, im Dienst an der Menschheit und am gesamten Kosmos: zu Füßen aller, wie es sich für Minderbrüder, arme Schwestern und büßende Gläubige geziemt. Ein solches einzigartiges evangelisches Leben, das sich in vielen Formen konkretisiert gemäß den Personen, Zeiten und Orten, erfordert, daß man nicht trennt, was der Herr selber verbunden hat.
In der Tat sah der Gekreuzigte, der mit Franziskus von der berühmten syrisch-orientalischen Ikone von San Damiano her sprach, die zukünftigen Klarissen voraus, wie das Testament Klaras mitteilt. Sie sollten an der Seite von Franziskus das Haus der Kirche instandsetzen und wiederherstellen, in der Nachfolge des armen und gekreuzigten Christus, bewegt vom Heiligen Geist, wie Maria. Die Identifikation mit der Person Christi und Marias wird so stark gefordert, daß alle sich persönlich aufgerufen fühlen, mit allen "büßenden Gläubigen" zusammen Beispiel (Franziskus) und Spiegel (Klara) Christi und Marias in der Kirche und in der Welt zu sein; Christus und Maria selbst zu vergegenwärtigen unter den Menschen und Geschöpfen, die sich geschwisterlich miteinander versöhnt haben. Franziskus und Klara geben so das rechte Maß ihres evangelischen Lebens der Einheit mit Gott, mit der Menschheit, mit dem Universum, wobei sie gleichsam in kosmischer Weise den Mensch gewordenen Sohn Gottes darstellen, den Erstgeborenen von vielen Brüdern (vgl. Röm 8,29; Erm. V, I).
Papst Johannes Paul II. erinnerte beim Abschluß des Gebetstages in Assisi am 27. Oktober 1986 an die "ständige Lehre von Franziskus und Klara" an alle Frauen und Männer unserer Zeit, als Mann des Friedens und Frau des Gebetes in universalem Friedensbemühen in Gerechtigkeit und Frieden. (3)

3. Sich als eine einzige Familie im Himmel und auf Erden um Christus und Maria zu fühlen, wobei man universale Geschwisterlichkeit lebt, wie es sich für Dienerinnen und Diener ziemt, die jeder Kreatur unterworfen sind: dies ist der wesentliche Ausdruck des evangelischen und kirchlichen Lebens, das nicht nur von Franziskus, dem kleinen Armen (poverello) gelebt wurde, sondern auch von Klara, der armen kleinen Pflanze (la sua pianticella poverella), und von der ganzen universalen Familie, als Ankündigung und Bezeugung der Frohen Botschaft der Befreiung der Armen und Gedemütigten und unserer Schwester und Mutter Erde.
Wir möchten in unserer Zeit die Botschaft von Franz und Klara wieder verkündigen. Doch wir alle, Minderbrüder, Arme Schwestern und büßende Gläubige unserer vielgestaltigen Fraternität, spüren, daß wir uns aufrichtig als unnütze Knechte bekennen müssen, die noch zu wenig in Geist und Wahrheit das evangelische Ideal gelebt haben. Wir bekennen dies im Geist beständiger Umkehr, zu der wir von Franziskus aufgerufen sind, der möchte, daß wir "unermüdlich im Vorsatz einer heiligen Erneuerung" (1 Cel 103) sind, und bereit, von neuem zu beginnen, neu anzufangen.
Nur mit diesem aufrichtigen Bekenntnis und der Bereitschaft, in erster Linie selbst entschiedener die Wege vertraulichen Umgangs mit Gott und des Dienstes an den Schwestern und Brüdern zu gehen, haben wir den Mut, uns an alle zu wenden und von neuem von Klara, der kleinen Pflanze des Franziskus, Zeugnis abzulegen.



I. Madonna Chiara - Frau Klara

4. Wer den menschlichen Aspekt einer Person des Mittelalters herausschälen will, besonders wenn es sich um eine Frau handelt, dem begegnen nicht wenige Schwierigkeiten, weil das offizielle Modell einer "Heiligen" gemäß vorformulierten Kanones ausgearbeitet wurde. Direkte Quellen wurden meist erst seit kurzem wiedergefunden und kritisch ediert. Dies gilt insbesondere für den Prozeß der Kanonisierung, für die Briefe und das Testament Klaras, zum mindesten in ihrer Vollständigkeit. Während die Regel zur Hälfte von Franziskus genommen scheint, von dem viel abhängt, wird das Privileg der Armut erst in den letzten Jahren gesichert als von Innozenz III. (1216) angesetzt. Nur ein ermüdender Unterscheidungsprozeß erlaubt schließlich, den biographischen Quellen sichere Angaben zu entnehmen, verborgen unter dem hagiographischen Stil, der versucht, die heroische Heiligkeit zu erhöhen, jedoch Angaben einer gewöhnlichen Person vermeidet. Dennoch, wenn wir zwischen verpflichtenden literarischen Aspekten in einem "Brief" die unterscheiden, die als juridische von der Römischen Kurie für die Redaktion einer Regel auferlegt wurden und die unbedingt für die Heiligsprechung notwendigen, scheint es möglich, die Persönlichkeit Klaras herauszuschälen, gesehen in der Umgebung ihrer Familie, von Assisi und Europa ihrer Zeit.
Ohne zu sprechen von einer Hildegard von Bingen, die dem 12. Jahrhundert entstammt und eine Besonderheit für sich darstellt, gehen wir jedoch aus von der Mutter Klaras, Ortolana, einer wirklich starken Frau. Wir finden z. B. Filippa Maresi, Diana von Andalo, Agnes von Prag, Luitgard von Tongeren, Elisabeth von Thüringen, Bianca von Kastilien, Hedwig von Schlesien, Kunigunde von Polen, Mathilde von Magdeburg, Konstanze von Ungarn, Juliana von Lüttich, Maria von Oinies, Hadewijch von Antwerpen. Alles hervorragende Frauen, Jungfrauen und Witwen, oft vornehmer Herkunft, die die Kirche erleuchteten, nach der ritterlich-höfischen Troubadour-Etikette. Sie stehen in gutem Ruf, üben Werke der Barmherzigkeit an den Armen, die in ihrer Zeit zahlreich sind. Unter ihren menschlichen Tugenden werden besonders gelobt ihre beispiellose Sorge für Haus und Familie in beständigem Dienst, in den häuslichen Arbeiten, ihr Familiengeist, ihre Höflichkeit, Umgänglichkeit und Gastfreundschaft, ihr Interesse an kulturellen, bürgerlichen und politischen Problemen, und, schließlich, ihre große Barmherzigkeit gegenüber den Schwachen und Armen jeder Art, verbunden mit Diskretion und praktischem Sinn, innerhalb und außerhalb des Hauses, wie es sich für eine Herrin geziemte.

5. Von allen unterscheidet sich Klara, die sich in der Tat seit ihrer Jugendzeit als eine einzigartige und unverkennbare Frau entpuppte. Von Gestalt kräftig, mutig, kreativ, faszinierend, begabt mit seltenem menschlichen und mütterlichen Gefühlsvermögen, offen für jede gute und schöne Liebe gegen Gott, die Menschen und alle Geschöpfe. Eine reife Person, sensibel für jeden menschlichen und göttlichen Wert, den sie um jeden Preis erwerben möchte, auch mit Akten der Demut, nach dem adligen und höfischen Ideal. Dies wird z.B. von Lancellotto, dem "kleinen Diener" gelebt, in der Nachfolge seiner Herrin, auch mit heroischen Akten und Taten der Abtötung.
Unter all den oben genannten Frauen ist Klara die einzige, die der Kirche und der Menschheit eine Familie Armer Schwestern gegeben hat, die heute noch 18.000 Mitglieder zählt; sie war die einzige, die eine eigene Regel schrieb und den Mut hatte, vom erstaunten und gerührten Papst Innozenz III. das "Privileg der Armut" zu erbitten.
Wir stehen wirklich vor einer "neuen" Frau, wie Papst Alexander in seiner Heiligsprechungsbulle schreiben sollte.

6. Es lohnt, das Geheimnis dieser neuen Frau näher kennenzulernen, wenn es auch schwierig ist, infolge des großen Zeitabstandes, das wahre Angesicht und die Tiefe ihres menschlichen Herzens zu entdecken. Das Urteil von Paul Sabatier, des evangelischen Gelehrten, der Franziskus und Klara sehr liebte, ist wert angeführt zu werden. Dieses Urteil wurde erst nach seinem Tode bekannt: "Die Gestalt Klaras ist nicht lediglich eine Reproduktion des Franziskus, des Gründers des Ordens. Ihre Persönlichkeit konnte man andererseits auch entdecken, indem man sich nicht ausschließlich auf die offizielle Biographie stützte. Sie erscheint als eine der edelsten Frauen, die in der Geschichtsschreibung vorkommen. Man hat den Eindruck, daß sie aus Demut hinter den Kulissen blieb. Aber auch andere haben für sie nicht den richtigen Blick, vielleicht wegen unnützer Vorsicht oder sogar wegen der Rivalität zwischen den verschiedenen franziskanischen Gründungen. Ohne solche Zurückhaltung würde man Klara unter den größten Frauengestalten der Geschichte finden."(4)
Um also die Spuren der wahren Größe Klaras als Person zu finden (im Mittelalter achtete man nur wenig auf das Persönliche), wird man besonders auf die Einzelheiten achten, gleichsam zwischen den Zeilen lesen und sogar in den weniger offiziellen und nicht hagiographischen Quellen nachgraben müssen.
In erster Linie muß man sich dabei auf ihr Testament beziehen, das ihr persönlichstes autobiographisches Werk ist, dann auf das VI. Kapitel ihrer Regel, auch dieses autobiographisch; schließlich auf den Heiligsprechungsprozeß, in dem unter Eid direkte und zeitgenössische Zeugen, Schwestern und andere Personen, aussagen.

Die junge Klara in ihrer familiären und kulturellen Umgebung
7. Klara empfing ihre menschliche Prägung zu Beginn in der adligen und ritterlichen Umgebung der Familie. Ihr Vater ist ein miles, ein Kriegsritter, oft von zu Hause abwesend. Faktisch überläßt er die Leitung seines Hauses seiner Frau Ortolana. Sie war Mutter, Mittelpunkt der Familie und direkte Erzieherin ihrer drei Töchter Klara, Katharina (die dann von Franziskus den Namen Agnes empfing) und Beatrice. Die "adelige" Umgebung der Familie setzt bei Ortolana voraus und schließt ein einerseits eine weibliche und mütterliche Begabung, die sich in der praktischen Sorge der häuslichen Arbeiten zeigt, umfangreich in einem Haus, das selbstverständlich dem Adel von Assisi geöffnet war, und auf der anderen Seite die ständige Aufmerksamkeit für die menschliche und religiöse Prägung der Familie. Dennoch bleibt Ortolana Zeit, um Wallfahrten an ferne Orte zu unternehmen und armen Nachbarn der Stadt zu dienen.
Einen bedeutenden Platz nahm unter den häuslichen Arbeiten das Spinnen und Weben ein, in denen Klara sich später als Meisterin erweisen sollte. Zur kulturellen Ausbildung gehörte für die junge Adlige das Erlernen des Lesens und Schreibens. Man las den Psalter, die Schriften der ritterlichen, volkstümlichen Kultur , Spielmanns- und Troubadourdichtung (Lieder, Romane, Geschichten) französischer Art und franko-belgischer sowie deutscher Herkunft. Sie waren zu der Zeit auch in Italien weit verbreitet. Besonders gefeiert wurden die heroischen Taten der Tafelrunde, mit Helden wie Arthur, Karl dem Großen und den Fürsten Orlando und Lancelot. Es handelt sich um Erzählungen heroischer Taten, manchmal sogar außergewöhnlicher Demütigungen, denen sich der adlige Ritterkandidat unterwarf, um den König zu ehren, den Kaiser, seinen Herrn, seine verehrte Herrin, die Kirche, oder auch, um die Armen und Schwachen zu verteidigen. Diese Erinnerungen an eine Treue auf Leben und Tod, gesungen und dramatisiert, riefen Bewunderung und Impulse, dies mutig nachzuahmen, in den zuhörenden Mädchen und Damen hervor.

8. Gleichzeitig begünstigte das höfische Milieu, daß sich eine neue Kultur der Leidenschaft und der Liebeskunst bildete und entwickelte, auch in ihrem erotischen Ausdruck, gesehen als tiefe und totale Sehnsucht, geliebt zu sein und zu lieben mit der ganzen Person. Oft fand eine solche Liebe ihre Sublimation in Christus und der Jungfrau Maria, aber auch in intensiven Freundschaften zwischen Menschen und schließlich in der Liebe zu allen Geschöpfen. Ausgedrückt wird diese Liebe in klassischen und biblischen Symbolen und in solchen der ehelichen oder mystischen Liebe. Das Hohelied der Liebe wird zu einer Quelle der Inspiration. So z.B. beim hl. Bernhard und der zisterziensischen Schule, besonders bei Wilhelm von St. Thierry (dieser Schule steht Klara wohl nah) oder in der Strömung der subtilen Liebe eines Macabru und einer Minnemystik einer Beatrice von Nazareth und einer Hadewijch.
Sähe man ab von dieser Minnekultur, die im Europa der Jahre 1150 - 1250 so verbreitet ist, könnte man die neue und tiefe Entwicklung weder verstehen noch verfolgen, die bei der Frau in dieser Adelsumgebung stattfand, in der die kleine Pflanze des Franziskus blüht und leuchtet, und bei ihren Armen Schwestern und Frauen in San Damiano, in Prag, in Monticelli und anderswo, die sich in wenigen Jahren über den ganzen europäischen Kontinent verbreiteten. Die Minnemystik wurde in den Gemeinschaften in großer Armut und Demut gelebt und verwirklichte sich in der geistlichen Familie der Minderbrüder, der Armen Schwestern und bei den neuen Büßern. Sie waren den Armen und Kleinen nahe, die am Rande der Gesellschaft lebten, außerhalb des feudalistischen Klassengesetzes. Die Menschen "ohne Stimme", die sich keiner persönlichen Freiheit erfreuten, werden vertraut mit der Minnemystik und suchen sie, wodurch sich diese unaufhaltsam verbreitet.

9. In diesem geschichtlichen Zusammenhang gilt folgendes: Auch wenn wir uns nicht die wunderhafte Vision oder mütterliche Intuition Ortolanas vor Augen führen wollen, die die Geburt Klaras als strahlendes Licht über die ganze Welt hin voraussah, können wir doch Klara sicher als Person erkennen, die außerordentlich von der Natur und der Gnade begabt war. Sie besaß ein selbständiges, entschiedenes und unternehmungslustiges Wesen, das mit großer Entschlossenheit ihren eigenen Ort zuhause und außerhalb sucht. Wirklich eine anziehende und starke Persönlichkeit.
Im Heiligsprechungsprozeß finden wir davon Spuren, von denen Zeugen sprechen, die Klara schon in der Zeit vor Beginn ihres Ordenslebens nahestanden, also in der Zeit, die sie im Elternhaus verbrachte. Hier zeichnet sich die junge Klara ab, die im Haus mit der Mutter lebt. Ihr Verhalten wird beschrieben als "ehrenhaft und von gutem Ruf, liebenswürdig und höflich": typische Ausdrücke einer adligen Welt. Außerdem bezeugt man ihr frommes Leben der Buße und Barmherzigkeit, großzügig zu den Armen: eine Lebensweise also, von allen geachtet, innerhalb und außerhalb des Hauses. Die Charakterbildung verdankte sie sicher zu einem großen Teil Ortolana, dieser Frau des Gebetes, arbeitsam, offen für die Werke der Barmherzigkeit, auch außerhalb des Kreises der Nachbarn.
Außerhalb des Hauses ist Klara reserviert, diskret, schweigsam; im Gegensatz zu den schönen Mädchen der Umgebung sucht sie keine Bewunderung. Mit großer Standhaftigkeit weist sie alle Heiratsanträge zurück, ohne einem der Kandidaten irgendeinen Anlaß zur Hoffnung zu geben, wie einer davon im Prozeß ausdrücklich bekannte.
Sie ist schon ganz vom Herrn ergriffen, gibt sich dem Gebet hin und den Werken der Liebe an den Armen. Wie ihre Mutter sieht sie sich in jener Lebensform, die von vielen jungen Frauen gelebt wird, ohne in ein Kloster oder in einen Konvent eintreten zu wollen: gottgeweihte Frauen, Büßerinnen, Arme Christi, Reklusinnen, Laienschwestern.

Die Zeugnisse der Jugend
10. Die Schwester Klaras, Beatrice, bezeugt, daß ihre Schwester seit ihrer Jugend jungfräulich lebte, den guten Werken hingegeben war und sich bei allen guten Rufes erfreute (Prozeß XII, 1). Von Franziskus aufgerufen, verließ sie alles, verkaufte ihren und einen Teil von Beatrices Eigentum und gab es den Armen (Prozeß XII, 3).
Schwester Pacificia, eine enge Freundin Klaras seit ihrer Jugend, in San Damiano als erste Gefährtin mit Agnes eingetreten, bestätigt, was Beatrice sagte und fügt an, "daß sie ihr fast den ganzen Tag und den größten Teil der Nacht diente" (Prozeß I,3). Sie sagt auch aus, daß die Eltern beide Adlige waren und führt ausdrücklich die Mutter als ein Vorbild der Frömmigkeit und Liebe zu den Armen an. Sie fügt hinzu, daß sie ins Heilige Land pilgerte, nach Rom und auf den Monte Gargano (Prozeß I, 4). Sie beobachtete außerdem, daß sie bei ihren Besuchen im Hause Klaras nie den Vater "Ritter" antraf. Das bestätigt seine häufige Abwesenheit.
Bona, die leibliche Schwester von Pacifica und treue Gefährtin Klaras bei ihren heimlichen Gesprächen mit Franziskus vor dem Beginn des Ordenslebens, folgt gleich darauf. Sie hatte im Vaterhaus Klaras gelebt und oft mit ihr gesprochen. So kann sie aussagen: Klara "sandte ihre Speisen an die Armen und diese Zeugin bezeugt, daß sie diese Speisen oft trug" (Prozeß XVII, I). "Oft ging sie mit ihr zu Gesprächen mit Franziskus; sie ging heimlich, um nicht von den Verwandten gesehen zu werden" (Prozeß XVII, 3). "Sie sagte, daß Klara in dieser Zeit, als sie ihr Ordensleben begann, eine besonnene Jugendliche war, etwa achtzehn Jahre alt; sie lebte immer zu Hause. Sie war verschleiert, da sie nicht von denen gesehen werden wollte, die an ihrem Hause vorbeigingen. Sie war sehr gütig und übte an Anderen gute Werke" (Prozeß XVII, 4). Schließlich erinnert sie sich, daß Klara, als sie noch in der Welt war, ihr "eine gewisse Geldsumme gab und ihr auftrug, es zu denen zu bringen, die an der Marienkirche zu Portiunkula arbeiteten, damit sie sich Fleisch kaufen könnten " (Prozeß XVII, 7). Vielleicht handelt es sich hier um die erste Tat der Sympathie und Zuneigung Klaras für den jungen Poverello und seine Gefährten.

11. Wir wollen auch das Zeugnis von zwei Zeugen zitieren, Nachbarn und Freunde des Vaters und der Familie Klaras. Der erste, Ranieri de Bemardo, sagt ausdrücklich, daß Klara "schön von Angesicht" war (Prozeß XVIII, 2) und daß sie nie einem Heiratsantrag zustimmen wollte, weder von Verwandten noch von Anderen, vielmehr tat sie alles, um als erste Frau Franziskus nachfolgen zu können (Prozeß XVIII, 2-4). Der zweite, Peter von Damiano, bestätigt, was Ranieri sagte; beide unterstreichen den unerschütterlichen Willen Klaras, sich dem Herrn in Jungfräulichkeit und Armut zu weihen (Prozeß XIX, 2).
Schließlich ist das Zeugnis von Johannes Ventura wichtig, der zur Zeit ihrer Jugend im Haus Klaras als Famulus, d.h. als Bediensteter, lebte, also als ein sehr naher und direkter Zeuge. Er spricht mit verständlichem Stolz vom Adel der Familie, der er diente, und vom prunkvollen Lebensstil, den man dort führte, und berichtet dann, auf welche Weise Klara als Gottgeweihte lebte (Prozeß XX, 1-3), in einer Umgebung eines solchen Niveaus: "Die Speisen, die ihr, wie in einem großen Hause üblich, zu essen gegeben wurden, behielt sie bei sich, verbarg sie und sandte sie dann den Armen" (Prozeß XX, 3). Er fügt eine Einzelheit an, die im Prozeß ziemlich einzigartig dasteht: " Als sie noch im Vaterhaus war , trug sie ein weißes rauhes Gewand unter ihren anderen Kleidern" (Prozeß XX, 4): Dies war das Gewand der Bediensteten zu Hause und der armen Leute im allgemeinen. Sie zeigte damit ihre Absicht, als arme "Famula", als niedere Magd zu leben, obgleich sie die Tochter reichen Adels war. Der gleiche Zeuge liefert eine andere bedeutungsvolle Nachricht: "Er sagte auch, daß sie fastete und betete und andere fromme Werke tat, wie er sah; und daß er glaubte, sie sei von Anfang an vom Heiligen Geist dazu angeregt worden" (Prozeß XX, 5).
Das ist der Abschluß des Zeugnisses: "Dann ging sie nach San Damiano; dort wurde sie Mutter und Meisterin des Ordens von San Damiano; und dort gebar sie viele Söhne und Töchter unseres Herrn Jesus Christus, wie man heute sieht" (Prozeß XX, 7).
Es erstaunt nicht, daß eine solche junge Edelfrau, die als Büßerin lebt, eine Gottgeweihte in der Welt, erkannt als das, was sie in der Tiefe und in Wahrheit war - eine "neue" Frau -, bald Franziskus begegnete. Sie erkannte in ihm fürwahr den "neuen" Mann, inspiriert von Gott, den Spielmann des Herrn, der leidenschaftlich die Seligkeit und Schönheit der göttlichen bräutlichen Liebe besingt, menschgeworden in der Person Christi, des Bräutigams, "für uns Weg geworden". Klara selbst beschrieb ihn so in ihrem Testament. Sie erzählt, wie sie sich zur evangelischen Buße bekehrte, angezogen von Franziskus, den liebenden Nachahmer Christi.

Beginn der Bekehrung
12. Über diesen entscheidenden Augenblick ihres Lebens haben wir verschiedene Zeugnisse, auch autobiographische. Wir beginnen mit Klara selbst. Sie selber gibt uns in der Tat Nachricht über ihre Bekehrung und die der ersten Schwestern.
Der Gekreuzigte von San Damiano hatte, als er zum jungen Franziskus sprach, die Ankunft von Frauen angekündigt, die die Kirche und das Kloster bewohnen würden, das Franziskus gerade renovierte. Eben diese Prophezeiung berichtet uns Klara in ihrem Testament sehr ausführlich.
Es gibt keinen Zweifel darüber, daß Klara sehr gut verstanden hatte - wie sie es sehr deutlich im Testament ausdrückt -, was ihre Berufung und die ihrer Schwestern sein würde. Eine Berufung zur Gemeinschaft (fraternita), um gemeinsam mit anderen Schwestern zu leben; in der Kirche und für sie "Beispiel und Spiegel" des Herrn und seiner Mutter zu sein, und so seine Kirche wieder herzustellen (rinnovare).
Diese Gabe kommt vom Vater der Barmherzigkeit, dem Spender jedes Guten, durch seinen Diener, den seligen Franziskus, dem treuen Nachahmer des Sohnes, der bereits seit Beginn "unser Weg ist": "Ich mahne aber inständig im Herrn Jesus Christus alle meine Schwestern, die gegenwärtigen und die kommenden, sich immer zu bemühen, den Weg heiliger Einfalt, Demut und Armut nachzugehen, wie auch einen ehrbaren und heiligen Wandel zu führen; so nämlich wurden wir seit dem Anfang unserer Bekehrung zu Christus von unserem seligen Vater Franziskus belehrt" (Testament Klara, 56 f).

13. Um tiefer die menschliche Persönlichkeit Klaras und der Schwestern im Augenblick ihrer Bekehrung zu verstehen, ist es wichtig, die Intensität ihrer Liebe für den Herrn zu unterstreichen und so ihre Freude in den Drangsalen zu verstehen, die sie während ihrer Bekehrungszeit erleiden mußten, die, menschlich gesprochen, sicher eine Qual war. Einige Ausdrücke, die Klara im Hinblick auf Franziskus verwendet, bestätigen dies. Klara gebrauchte im Testament oft die Worte "selig" und "sehr selig". Das Wort "Liebhaber", intensiver als "liebend" und "Freund", bezeichnet eine Person, die mit Eifer und ausdauernder Glut liebt: Klara nennt Franziskus "Liebhaber und Nachahmer". Für Klara ist Franziskus also schon im Augenblick der Bekehrung verliebt in den Herrn und daher sein Nachahmer. Gipfel der Freude im Heiligen Geist ist, daß er das Kommen der Frauen nach San Damiano voraussagt. Das gleiche Wort "Liebhaber" verwendet Klara in ihrem dritten Brief an Agnes in einem bräutlichen Zusammenhang, der gut erklärt, wie Franziskus, Agnes, Klara und die ersten Schwestern im Augenblick ihrer Bekehrung inmitten zahlreicher persönlicher und familiärer Schwierigkeiten die Welt und ihre blinden "Liebhaber" verlassen wollten. Sie spricht von Bräuten, Liebenden im Heiligen Geist.
Klara schreibt, daß der Herr seit Beginn der Bekehrung diejenigen, die ihn lieben, mit verborgener Süßigkeit überschüttet, um ihnen zu helfen, die Hindernisse zu Überwinden, die die Berufenen manchmal an den Rand der Verzweiflung bringen können. Franziskus selber hatte die Erfahrung mit den Aussätzigen gemacht, bevor er die Freude erfuhr, im Wort des Gekreuzigten von San Damiano das Kommen Klaras und der Schwestern voraussehen zu können.

14. Als Klara an Agnes schrieb, wußte sie um deren große Versuchungen, die sie bei ihrer Bekehrung Überwinden mußte und spricht von ihnen als von "Nebel und niederdrückender Bitterkeit" (3. Brief an Agnes, II). Klara ermutigt Agnes, wobei sie auf die Jungfrau Maria verweist, die Braut und Mutter des Sohnes Gottes, die aus der Vereinigung mit dem göttlichen Bräutigam, in der sie umgewandelt wurde, tiefe Freude erfuhr: "... damit Du selbst empfindest, was seine Freunde empfinden durch das Verkosten der verborgenen Süßigkeit, die Gott selbst von Anbeginn für seine Liebhaber aufbewahrt hat (der lateinische Text schreibt nicht "Liebende", sondern "Liebhaber"). Dabei übergehe alles, was in dieser trügerischen, beunruhigenden Welt ihre blinden Liebhaber verstrickt. Liebe jenen mit ganzer Hingabe, der sich um Deiner Liebe willen gänzlich hingegeben hat, dessen Schönheit Sonne und Mond bewundern, dessen Belohnungen in ihrer Köstlichkeit und Größe ohne Ende sind. Ihn meine ich, den Sohn des Allerhöchsten, den die Jungfrau gebar und nach dessen Geburt sie Jungfrau blieb. Seiner liebsten Mutter hange fest an, die einen solchen Sohn geboren hat, den die Himmel nicht zu fassen vermögen; und dennoch hat sie ihn in dem Kämmerlein - "Kloster" - ihres heiligen Mutterleibes gebildet und in ihrem Schoß getragen" (3. Brief an Agnes, 14-19).
Diese gleiche Atmosphäre der Liebe zum Herrn und der Freude in den Drangsalen findet sich im VI. Kapitel der Regel Klaras, auch dieses autobiographisch. Dort spricht sie vom Beginn der Bekehrung der Schwestern. Weiter unten sprechen wir ausführlicher über dieses Kapitel.

15. Hier wollen wir eine literarische Quelle von romantisch-hagiographischem Charakter zitieren, welche in der Atmosphäre des Troubadours beheimatet ist. Franziskus und Klara werden in ihrem Jugendalter zu Assisi dargestellt. Es handelt sich um die sogenannte Klaralegende.
Franziskus ist 29- 30 Jahre alt, Klara 18 Jahre: "Als Klara den damals schonbekannten Namen Franziskus hörte, der wie ein neuer Mensch den in der Welt vergessenen Weg der Vollkommenheit mit neuen Tugenden wiederbelebte, sehnte sie sich, ihn alsbald zu hören und zu sehen. Dazu riet ihr der Vater der Geister, dessen Erstlingsgabe beide, wenn auch auf verschiedene Weise, empfangen hatten. Nicht minder wünschte Franziskus, da auch zu ihm der gute Ruf des so reich begnadeten Mädchens gedrungen war , sie zu treffen und mit ihr zu reden, um, wenn irgendwie möglich, eine solch edle Beute der argen Welt abzujagen und sie seinem Herrn zu übergeben; war er doch ganz beutegierig gekommen, um das Reich der Welt zu entvölkern. Er besuchte sie, und sie besuchte öfters ihn. Die Häufigkeit ihrer Besuche richteten sie so ein, daß jene göttliche Beschäftigung weder von Menschen wahrgenommen, noch durch öffentliches Gerede beanstandet werden konnte.
Nur eine einzige vertraute Gefährtin begleitete das Mädchen, wenn es aus dem väterlichen Hause fortging, um mit dem Manne Gottes heimlich zusammenzukommen, dessen Worte ihr flammend und dessen Taten ihr übermenschlich erschienen. Vater Franziskus ermahnte sie zur Verachtung der Welt, indem er ihr mit brennender Rede bewies, wie unfruchtbar die Hoffnung auf die Welt sei und wie trügerisch ihr Schein. Er sprach begeisternd davon, wie beseligend die Vermählung mit Christus sei, und überzeugte sie davon, die Perle jungfräulicher Keuschheit jenem herrlichen Bräutigam, den die Liebe Mensch werden ließ, zu bewahren" (Legende Klara, 5).
Ein anderes Zeugnis bestätigt die moralische Kraft, eine wahre geistliche Faszination, die Franziskus auf Klara ausübte. Sie selber, Klara, als "Beispiel und Spiegel", gibt uns das Zeugnis am Ende ihres Lebens, nach 28jähriger Krankheit, jetzt frei von Beeinflussung: "Seitdem ich die Gnade meines Herrn Jesus Christus durch seinen Diener Franziskus erkannt habe, ist mir keine Pein zu beschwerlich, keine Buße zu schwer, keine Krankheit zu hart ..." (Legende Klara,44).

16. Klara hat Eile, zu dieser göttlichen Hochzeit zu gelangen, und sie entscheidet sich bald, da sie seit langem das Verlangen hat, sich dem Herrn zu vermählen (Legende Klara, 6) Der Geist der Erzählung entspricht wirklich gut dem Herz von Klara und Franz, beide sind ja erfahren in der Minne-Mystik, die jetzt überall aufkommt. Die Antwort auf ihre Botschaft läßt nicht auf sich warten:
"Das Unerhörte solcher Vorgänge drang weit und breit in die Welt hinaus und begann überall Seelen für Christus zu gewinnen. Obwohl Klara weiterhin in Klausur lebte, begann sie dennoch der ganzen Welt zu erstrahlen und erglänzte herrlich in Anerkennung und Lob durch alle. Der Ruf ihrer Tugenden erfüllte die Zimmer vornehmer Frauen, erreichte die Paläste von Herzoginnen, ja drang sogar hinein bis in die innersten Gemächer der Königinnen. Der höchste Adel beugte sich herab, ihren Fußspuren nachzugehen, und sie, ein Sprößling stolzen Blutes, verleugnete sich in ihrer Demut. Einige Herzoginnen und Königinnen, zur Ehe berufen, taten strenge Buße, ermuntert durch die öffentliche Anerkennung Klaras, und die, welche Herrscher geheiratet hatten, ahmten Klara gemäß ihren Möglichkeiten nach. Städte schmücken sich mit zahllosen Klöstern, auch das Land und die Gebirgsgegenden ziert die Entstehung solcher himmlischen Bauten.
Vielfach wird in der Welt die Keuschheit bewahrt: die heilige Klara geht voran, sie erweist die Zeitgemäßheit der Jungfräulichkeit, ruft sie gleichsam zu neuern Leben. Klara ließ diese herrlichen Blumen aufblühen, durch die sie selbst erquickt werden will: 'Stärkt mich mit Blumen, erquickt mich mit Äpfeln; denn ich bin krank vor Liebe'." (Legende Klara, 11).
Wenn wir noch nach dem Wie und Warum der Neuheit Klaras fragen, können wir sagen, daß in ihr Gnade und Natur eine wunderbare Einheit geschaffen haben: die Gnade setzt die Natur voraus, ja, vervollkommnet sie. Schließlich ist durch die ausgeprägte Eigenheit der Persönlichkeit Klaras im Zusammenhang ihrer Zeit etwas Neues gegeben. Vor allem das, was wir ihre "heilige Bekehrung" nennen wollen, stellt eine Botschaft dar: ihre Bekehrung dauert bis zu ihrem Tod.

Reife Ausgeglichenheit
17. Auch bei Klara müssen wir fragen, inwieweit bei ihr "Weibliches" und "Männliches" ausgeglichen war. Diese Ausgeglichenheit ist ja für das Wachsen und Reifen jedes Menschen entscheidend. Gerade wegen dieser Ausgeglichenheit wird sie Modell der Menschlichkeit, "Beispiel und Spiegel" für alle.
Was gleich auffällt bei der ersten Begegnung mit der Persönlichkeit Klaras, ist ihr starkes Temperament. Dies führt sie dazu, gegen jedes Hindernis zu kämpfen, das sie hindert, ihren Weg zu gehen, den sie für notwendig ansieht. Beschäftigt man sich aber tiefer mit ihrer Persönlichkeit, entdeckt man mit wachsendem, erfreuten Staunen die harmonische Ausgeglichenheit einer außerordentlichen Menschlichkeit, die man nur als genial und beispielhaft für alle bezeichnen kann.
Dennoch scheint etwas dieses Bild zu stören: eine gewisse übermäßige oder extreme Tendenz Klaras zu körperlichen Bußübungen, zu Nachtwachen unter Tränen, zu Fasten und Abstinenz.
Unsere Bestürztheit rührt aber vom gleichen Teufel her, der Klara nahelegte, nicht mehr zu weinen, da sie dann blind würde, und sich nicht zu viele Bußübungen aufzuerlegen, da dies ihren Körper entstelle. Klara hingegen antwortete nur: "Der wird nicht erblinden, der Gott schaut" und "dem wird nichts verunstaltet, der Gott dient" (Legende Klara, 19).
Der übermäßige Bußeifer Klaras machte auch Franziskus und selbst dem Bischof von Assisi Sorgen, die meinten, einschreiten zu müssen. Da Franziskus aber selbst an strenge körperliche Bußübung gewöhnt war, bat er am Ende seines Lebens seinen Bruder Leib um Entschuldigung. Klara hatte ihren Schwestern gegenüber immer große Mäßigung und Sanftmut erwiesen. Der dritte Brief an Agnes von Prag erweist es, in dem sie daran erinnert, wie Franziskus die Festtage "mit Abwechslung im Essen uns zu feiern besonders gemahnt hat" und wie man den gebrechlichen und kranken Schwestern "gemäß seiner Mahnung und seinem Befehl hinsichtlich aller Speisen die größtmögliche Rücksichtnahme" angedeihen lassen solle (3. Brief an Agnes,29-31).
Auch Agnes erteilte sie weise Ratschläge, die sie allerdings nicht auf sich selbst anwenden wollte: "Freilich ist unser Fleisch weder Fleisch von Erz, noch Felsenkraft unsere Kraft, ja, wir sind gebrechlich und zu jeder körperlichen Schwäche geneigt. Deshalb bitte ich, Liebste, und trage Dir im Herrn auf, daß Du Dich weise und vernünftig von jener unvernünftigen und unmöglichen Strenge des Fastens, die Du, wie ich weiß, begonnen hast, zurückziehst, damit Du lebend den Herrn preisest, dem Herrn einen geistigen Gottesdienst darbringst und Dein Opfer stets mit Weisheit ("Salz") gewürzt sei" (3. Brief an Agnes, 38-41).

18. Um diese extreme Bußpraxis Klaras zu verteidigen, gibt der Autor der Klaralegende (Legende Klara, 18) eine unerwartete und ziemlich überzeugende Erklärung: "Wenn sonst harte körperliche Kasteiung gewöhnlich einen niedergedrückten Geist zur Folge hat, so trat bei Klara ganz anderes zutage: sie bewahrte bei all ihrer Abtötung eine fröhliche, heitere Miene, so daß sie körperliche Bedrängnis entweder nicht zu spüren oder sie zu belächeln schien. Daraus ist klar zu ersehen, daß die heilige Freude, von der sie innerlich überströmte, nach außen überfloß; denn die Liebe des Herzens nimmt den Kasteiungen des Leibes die Härte."
Ein Echo dieser ekstatischen oder mystischen Erfahrungen haben wir im bekannten volkstümlichen Troubadourvers, der auch Franziskus und Klara bekannt gewesen sein dürfte: "Das Gut, das ich erwarte, ist so groß, daß mir jede Mühe zum Vergnügen wird" (Fioretti I Cons.; FF 1897).
Dies alles zeigt eine reife Liebe in ihrer ganzen Tiefe, sei es zu Gott, dem mit bräutlicher Liebe Geliebten, sei es zu einem Menschen, wie dem seligen, ja überaus seligen Vater Franziskus, nach Gott die einzige Hilfe für Klara, der wahre Liebhaber und Nachahmer Christi, gleichsam ein sakramentales Symbol der wahren Liebe. Von Anfang an, als der Gekreuzigte in San Damiano Franziskus beim Namen rief, brachte er ihn dazu, die Ankunft Klaras und der Schwestern vorauszusagen, die berufen seien, die Kirche wiederherzustellen und zu heiligen, in der Gemeinschaft der Liebe mit ihm und seinen Brüdern.
Beseelt von solcher Liebe, die Gabe des Heiligen Geistes ist, wußte Klara die Weisheit der Diskretion, der Unterscheidung der Geister zu lernen, mit der sie begabt zu sein scheint. Schon in der Zeit, in der sie im Mutterhaus lebte und dann im Leben im Kloster, bewies Klara, daß sie neben einer "starken und heiligen Widerstandskraft" gegenüber allen Gegenströmungen, auf die sie stieß, eine große Seelenruhe (Heiterkeit) besaß: ruhig verfolgte sie den eigenen Weg, ohne sich zu beunruhigen, irritieren zu lassen oder sich aufzulehnen; stets blieb sie die treue Freundin, Mutter und Tochter derer, die ihr auch entgegentreten mochten, seien es Päpste und Kardinäle.

19. Mit vollständiger Klarheit wußte sie zu erkennen, was das "Notwendige" war - ihre Lebensform, die sie durch Franziskus vom Herrn erhalten hatte, das Privileg der Armut, der Geist des Gebetes, dem alle zeitlichen Dinge dienen mußten, der vor allem erstrebenswerte Geist des Herrn, die Einheit in gegenseitiger Liebe - , und sie wußte dies deutlich vom "Sekundären" zu unterscheiden - Institutionen, Konstitutionen, Regeln, Namen, Titel (wie derjenige der Äbtissin).
In dem, was notwendig war, hielt sie immer fest an der Zucht Gottes (tenax disciplinae Dei), wie das Brevier sagte; in allem übrigen akzeptierte sie, was den Umständen entsprach oder notwendig war , ohne fanatischen Protest, der bei den Bewegungen der Waldenser , Humiliaten, Katharern und anderen üblich war. In solch weiser Unterscheidung zeigte sich die Kraft ihrer Persönlichkeit als Frau und Mutter: in radikaler Treue zu dem, was das Zentrum ihrer evangelisch-franziskanischen Lebensweise ("Projekt") darstellte, und in heiterer Annahme vieler Normen, die die römische Kurie für passend und notwendig hielt.
Übrigens ist es ziemlich bezeichnend, daß viele Diskussionen, Anstöße zum Fanatismus und Spaltungen, wie z.B. die in die wörtliche oder geistliche Observanz der Regel, dem Geist Klaras fremd sind. Während Franziskus von einer geistlichen Observanz spricht, fügt Klara in das X. Kapitel der Regel einen paulinischen Text ein, der sich auf den Geist der Einheit und Liebe bezieht, dem Band der Vollkommenheit, der der Uneinigkeit und Spaltung entgegengesetzt ist: "Immer aber sollen sie besorgt sein, einander die Einigkeit der gegenseitigen Liebe zu bewahren, die das Band der Vollkommenheit ist."
So liegt es nahe anzunehmen, daß der Geist des Herrn und sein heiliges Wirken in dieser gegenseitigen Liebe bestehen, die erstrebenswerter ist als alles und praktiziert wird bis zur Feinesliebe, auch gegenüber denen im gleichen Haus. Doch es ist notwendig anzumerken, daß eine solche Ausgeglichenheit, wie vollkommen sie auch sei, dennoch nicht jene Kälte hat, der man manchmal auf einem Niveau klassischen aszetisch-mystischen Lebens begegnet. Klara bewahrt immer ihre Menschlichkeit und Weiblichkeit.

20. Das Zeugnis, auf das wir uns hier beziehen, stammt aus der letzten Woche des Lebens des Franziskus. Es hat die ganze Intensität einer starken und reifen Erfahrung, die beide in tiefer Weise machen. Beide sind schwer krank, Klara fürchtet, eher als Franziskus zu sterben, ohne ihn noch einmal sehen zu können. Dies könnte als Schwäche erscheinen, offenbart aber die Kraft der Menschlichkeit dieser Frau, die bis jetzt alle möglichen und unmöglichen Drangsale überwunden hat, so daß sie unerschütterlich scheint - dennoch ist sie äußerst sensibel.
"Entkräftet weinte sie und fand keinen Frieden, da sie dachte, sie sähe Franziskus nicht mehr, ihren einzigen Vater nach Gott, ihn, der sie an Geist und Leib tröstete (consolatorem utriusque hominis), der sie in der Gnade des Herrn begründet hatte. Durch einen Bruder ließ Klara diese ihre Furcht wissen" (dieses "ließ wissen" zeigt die für Klara typische Initiative). Der "selige" Franziskus, gewöhnlich streng und vorsichtig, verliert seine übliche Zurückhaltung, wie mit Bruder Jakoba in einem ähnlichen Zusammenhang, und läßt Klara gleich in einem Brief wissen, der ganz für sie und sehr zartfühlend ist ("im Heiligen Geist", merkt der Hagiograph an), daß er sie persönlich segne, sie von jeder Verfehlung losspreche und ihr versichert, sie werde ihn noch sehen. Er dachte beständig - kommentiert der Text - an die ersten Tage der Unterhaltung mit Klara und an ihre Bekehrung. "Die Bekehrung Klaras hatte nicht nur die Gemeinschaft der Brüder, sondern die ganze Kirche Gottes sehr erbaut" (Legenda Perugina, 109).
Ein großer Franziskaner unserer Tage, Kajetan Esser, schrieb, daß Franziskus seine große Heiligkeit darin erwies, daß er so menschlich war, daß er auf dem Totenbett von Bruder Jakoba Kuchen annahm, ja ausdrücklich erbat - gegen jeden asketisch-hagiographischen Maßstab. Können wir da nicht mit gutem Recht feststellen, daß auch Klara ihre Heiligkeit darin zeigte, daß sie sich gegenüber dem sterbenden Franziskus als Frau, Tochter und Mutter erwies?

Die "starke Frau" (mulier fortis)
21. In kurzer Form können wir noch auf einige Aspekte der Persönlichkeit Klaras hinweisen, die gewöhnlich weniger erstaunen, wenn sie sich bei einem Mann finden, dagegen bei einer Frau aufhorchen lassen.
Vor allem die entschiedene Ablehnung jedes Heiratsantrages gegenüber der Familie und der Verwandtschaft. Die Flucht nach Santa Maria degli Angeli mit achtzehn Jahren, mit nachfolgendem Bruch der familiären und sozialen Beziehungen. Der Verzicht auf ihren Adelsstand zugunsten einer Lebensweise als "Magd". Die Annahme der Schwester Katharina und der nachfolgende Widerstand gegenüber der männlichen Übermacht der Verwandtschaft. Die Leiden, physische und seelische Drangsale, die sie auf sich nehmen mußte, um bis zum Ende (usque in finem) ihrer Berufung treu zu bleiben, die der Herr ihr durch Franziskus gegeben hatte. Ihre beständige Weigerung, sich wie eine Äbtissin aufzuführen; statt als Herrin aufzutreten handelte sie als Magd, als Dienerin der Schwestern.
Dies ging so weit, daß sie die Dienste auf sich nahm, die größere Abtötung verlangten. Das Privileg der Armut, einzig in seiner Art und in seiner Zeit, verteidigte sie gegen alle, einschließlich Päpsten und Kardinälen; oft verteidigte sie es allein, lediglich Agnes von Prag, Schwester Agnes und Bruder Elias unterstützten sie darin. Der passive und ruhige Widerstand gegen die Sarazenen und andere Feinde der Stadt Assisi.
Der tapfere Kampf, den Klara führte, um die eigene Lebensform oder Regel zu verteidigen, zeigt Mut, Intelligenz und Weisheit. Sie kämpfte in einem Geist des Friedens, ohne jeglichen Fanatismus, der Reformern oder den Armutsbewegungen zu eigen war, die zu ihrer Zeit so verbreitet waren. Sie führte das Leben der Gemeinschaft (fraternita) gegen jede feudale Praxis klassischen Typs, sie führte die absolute Schwesterlichkeit (sororitas) der Armen Schwestern ein: Einheit, die aus der gegenseitigen schwesterlichen, ja mütterlichen Liebe erwächst, und aus der Mitverantwortlichkeit und Teilhabe aller, auch der letzten Schwester.
Harte fundamentalistische und spiritualistische Diskussionen zwischen den Brüdern selbst bedrohen die Treue zum einzigen evangelisch-franziskanischen Leben, wobei sie die grundlegende Einheit der franziskanischen Familie der Minderbrüder und der Armen Schwestern in Frage stellen.
Klara begegnet der Situation - allein, nach dem Tod des Franziskus - als "Mutter" des Ordens, der von ihrem "seligen, ja überaus seligen Vater" gegründet worden war.
Die völlige Treue zur Person Christi und zur armen Maria, von Klara tatsächlich als das Eine Notwendige (unum necessarium) betrachtet, wurde von ihr in voller Ausgeglichenheit gelebt. Gegenüber den sekundären Dingen, die der größeren bräutlichen Liebe dienen, besaß sie sichere Unterscheidungskraft: konkrete Normen betreffs der Klausur, des Schweigens, des Gebetes, der Armutspraktiken. Die Einheit zeigt sich hier in einer gesunden und heiligen Pluriformität (vgl. 2 Celano, 192).

Zärtlichkeit der "Frau" Klara
22. Die Bezeichnung "Frau Klara" (madonna Chiara) stammt aus dem Heiligsprechungsprozeß Klaras. Vor allem bei dieser Gelegenheit nannten sie die Schwestern gerne so.
Die starke und sanfte Fraulichkeit Klaras zeigt sich bereits im Vaterhaus, wie wir bereits oben sahen. Hier wächst und bewegt sie sich in einer beispiellosen Atmosphäre, die von Mutter Ortolana geschaffen wurde. Liebenswürdig, höflich, gastfreundlich, fromm, gläubig, hingegeben an die häuslichen Arbeiten, die in einem Haus wie dem ihren normal sind. großzügig gegenüber den Armen, lebt sie auch selbst als eine arme Büßerin Christi in der Welt. Reich an edlen Idealen und offen für mutige Taten, um der Liebe Christi willen, ist sie fähig zu tapferen Taten, wie dem Vorhaben nach Marokko zu reisen, ergriffen von der Sehnsucht nach dem Martyrium (sie hatte Kunde von den ersten franziskanischen Märtyrern erhalten), wie auch zu demütigen Taten im Dienst an den Armen.
Klara verleiht den zwischenmenschlichen Beziehungen mit den Schwestern vorrangige Bedeutung innerhalb der Gemeinschaft (fraternita). Sie ist der Ansicht, daß dies Beispiel und Spiegel in der Kirche und in der gesamten Welt sein sollte für die "mütterliche" Liebe, mit der man sich liebt.
Die Fraulichkeit/Mütterlichkeit Klaras erscheint auch in ihrem Geist des Dienens, in dem sie demütig und verborgen in der Nachahmung Jesu handelt, der die Füße der Seinen wusch, und außerdem in vielen Ausdrücken und Aufmerksamkeiten, die sogar in der Regel des Franziskus fehlen.
Solche Normen betreffen die leiblichen und geistlichen Bedürfnisse der einzelnen Schwestern und der Gemeinschaft (wie die Vorschrift, daß die Schwestern umsichtig mit Kleidung versorgt werden nach der körperlichen Beschaffenheit der Personen; daß man sich besonders um die jungen, kranken und schwachen - auch im geistigen, nicht nur im physischen Sinn - Schwestern kümmere). Andere wollen das Maximum an Mitverantwortlichkeit (mit Ausdrücken wie "wir", "unser", "alle" - omnes -, "zum Nutzen aller", "Einigkeit der gegenseitigen Liebe"). Andere wiederum bekräftigen die mütterliche Sorge der Äbtissin-Mutter-Magd, Schwester unter Schwestern, der man aus Liebe und nicht aus Furcht gehorcht, die nicht darauf aus ist, Privilegien zu haben, noch sich einer persönlichen Freundschaft hingibt. Sie sei auch die letzte Zuflucht für die Bedrängten. Schweigen, Buße, Klausur, Gebet, Arbeit sollen beachtet werden, aber immer mit Mäßigkeit, wie es für die einzelnen Personen notwendig ist.

23. Diese Veranlagung wird schließlich durch die Kapitel VI bis X der endgültigen Regel bestätigt für eine Zeit, in der Klara Tochter und Mutter war . Hier begegnen wir allen Schlüsselthemen, die wichtig sind, um das Herz Klaras und ihre evangelisch-franziskanische Lebensweise (Projekt) zu verstehen: Das Leben der Töchter und Dienerinnen des Vaters, dem Heiligen Geist vermählt, die ein Leben in der Nachfolge Christi und seiner heiligen Mutter erwählt haben und darin bis zum Ende verharren wollen, ohne irgendein Eigentum (Kapitel VI). Der Geist des Gebetes, dem alles andere dienen muß (Kapitel VII). Das Leben in Armut, gemäß dem Beispiel des Herrn und Marias, seiner Mutter, und in gegenseitiger und mütterlicher Liebe (Kapitel VIII). Gegenseitiges Verzeihen, wahre Voraussetzung des Gebetes (Kapitel IX). Ihr Verlangen muß vor allem dahin gehen, den Geist des Herrn zu besitzen in der Einigkeit der gegenseitigen Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist (Kapitel X), bis zur höchsten Liebe, der zu den Feinden.
Dies sind die Dimensionen einer Zärtlichkeit, denen man in den Briefen an Agnes von Prag wieder begegnet, die die Genialität Klaras auch in ihrem eigenen Gefühlsvermögen (Affektivität) bestätigen.

II. Chiara Donna "Christiana " - Die christliche Frau Klara

24. Nach einer erwähnenswerten Quelle "wollte Franziskus keine Vertraulichkeit mit irgendeiner Frau und er gestattete nicht, daß Frauen mit ihm vertraulichen Umgang hatten. Allein der seligen Klara schien er Zuneigung entgegenzubringen. Dennoch: wenn er mit ihr oder über sie redete, nannte er sie nicht bei ihrem Namen, sondern er nannte sie 'Christin'. Für sie und ihr Kloster trug er viel Sorge" (Fonto francescane, a cura del Movimento francescani, Edizioni Messaggero Padova, 2682). Dieser Zeuge war wahrscheinlich jemand, der Franziskus sehr nahestand, also ein enger Freund, oder der Klara nahestand, weil er von ihr von einer Krankheil geheilt wurde. Es könnte sich um Bruder Stefan handeln. Deutlich ist jedenfalls, daß Franziskus zwar Klara und ihre Schwestern sehr liebte, daß er sie Herrin nannte und um sie wie für seine eigenen Brüder Sorge trug. Gleichzeitig ist wahr, daß Franziskus sich nie an Klara einzeln wandle, sondern nur an die Armen Schwestern gemeinsam.
Franziskus nannte Klara sicher "Christin", weil er in ihr fürwahr eine echte Christin sah, ein Abbild der Jungfrau Mutter. Vielleicht ebenso, wie er in den Aussätzigen ein Abbild des gekreuzigten Herrn sah, wenn er sie christliche Brüder nannte.
Johannes Paul II., dessen Worte wir zu Beginn anführten, sah den liefen Grund für die Zuneigung des Franziskus zu Klara folgendermaßen: "Er sah sich selbst als einen Bruder, einen Armen (poverello) nach dem Bild der Heiligkeit dieser echten Braut Christi, in der er das Bild der vollkommenen Braut des Heiligen Geistes sah, die heilige Maria." Dies ist ein maßgebendes Wort heute, das den Lebenskern der Spiritualität Klaras ausdrückt und aus ihr auch ein Symbol für unsere Zeit macht.
Wir müssen noch einmal zurückkehren zu den bekannten autobiographischen Quellen, zum Testament, zur Lebensform und zur endgültigen Regel, zum Privileg der Armut und zum Heiligsprechungsprozeß selbst.

Das Testament
25. Es ist wesentlich, um die christliche Persönlichkeit Klaras zu entdecken. In dieser so persönlichen und intimen Schrift erzählt Klara ihre Berufung und die ihrer Schwestern: "... Als der Heilige bis dahin weder Brüder noch Gefährten hatte, als er fast sofort nach seiner Bekehrung die Kirche in San Damiano aufbaute, wo er, von göttlicher Tröstung völlig erfüllt, angetrieben wurde, in großer Freude durch Erleuchtung des Heiligen Geistes die Welt ganz und gar zu verlassen, da weissagte er über uns. Dies hat der Herr später erfüllt. Er stieg nämlich damals auf die Mauer der genannten Kirche und rief mit lauter Stimme in französischer Sprache einigen dort in der Nähe weilenden Armen zu: Kommt und helft mir beim Bau des Klosters San Damiano; denn fürder werden dort Frauen wohnen, durch deren ruhmvolles Leben und heiligen Wandel unser himmlischer Vater in seiner ganzen heiligen Kirche verherrlicht werden wird ... Und nicht nur über uns hat unser hochseliger Vater Franziskus solches geweissagt, nämlich unsere Berufung und Erwählung, sondern auch über die anderen, welche kommen werden in der heiligen Berufung, zu welcher uns der Herr berufen hat" (Testament Klara, 9-17).
Sie fährt fort: "Der Herr selbst nämlich hat uns nicht allein den anderen Menschen als ein Vorbild zum Beispiel und Spiegel aufgestellt, sondern auch unseren Schwestern; denn sie hat der Herr zu dem gleichen Leben berufen, zu dem er uns berief, auf daß sie gleichfalls denen, die in der Welt wandeln, Spiegel und Beispiel seien. Da uns also der Herr zu so Großem berufen hat, daß diejenigen in uns sich spiegeln können, die anderen zum Beispiel und Spiegel sind, so sind wir gehalten, den Herrn besonders zu preisen und zu loben und uns überdies im Herrn zu stärken, Gutes zu tun. Deshalb werden wir, wenn wir nach der genannten Weise leben, den anderen ein edles Beispiel hinterlassen" (Testament Klara, 19-23).
Alle Schwestern also sind berufen, in eigener Person (nos) einander ein Vorbild zum Beispiel und Spiegel zu sein, in der Kirche und in der Welt. Beispiel und Spiegel wessen? Des Sohnes Gottes, der für uns der Weg wurde, wie unser überaus seliger Vater Franziskus zeigte und lehrte. Die tatsächliche Verwirklichung dieser Berufung erfolgte bald nach der Bekehrung des Franziskus, als Klara und ihre Schwestern ihm freiwillig Gehorsam versprachen. Dann gingen sie nach San Damiano, wo "der Herr unsere Zahl in kurzer Zeit durch seine Barmherzigkeil und Gnade vermehrt hat, damit erfüllt werde, was der Herr durch seinen Heiligen vorhersagen ließ." Es war der Herr selbst, der folglich diese Gegenwart der Frauen in San Damiano wollte.

26. Später schrieb Franziskus die Lebensform nieder und betonte am meisten, daß sie in der Armut verharren sollten (Testament Klara, 39). Um die Treue zur Armut zu sichern, erbat Klara das "Privileg der Armut" von Innozenz III. und seinen Nachfolgern. Um den Sinn dieser Armut zu verdeutlichen, bezieht sich Klara auf die Jungfrau Maria, indem sie sagt, der Vater habe diese kleine Herde in der Kirche durch Franziskus erweckt, "welcher der Armut und Demut seines geliebten Sohnes und der glorreichen Jungfrau, seiner Mutter, nachgefolgt ist" (Testament Klara, 46).
Der Sinn des Weges Klaras und der Schwestern wird noch - immer im Testament - mit feierlichen Ausdrücken formuliert: "Ich mahne aber inständig in unserem Herrn Jesus Christus alle meine Schwestern, die gegenwärtigen und die kommenden, sich immer zu bemühen, den Weg heiliger Einfalt, Demut und Armut nachzugehen, wie auch einen ehrbaren und heiligen Wandel zu führen; so nämlich wurden wir seit Beginn unserer Bekehrung von Christus und unserem überaus seligen Vater Franziskus belehrt" (Testament Klara, 46).
Klara besteht auf dem Gehalt der Liebe dieser heiligen Bekehrung: "Und liebet einander mit der Liebe Christi und zeiget die Liebe, die ihr im Herzen habt, auch nach außen durch die Werke, damit die Schwestern, durch dieses Beispiel aufgefordert, stets in der Liebe Gottes und in der gegenseitigen Liebe wachsen" (Testament Klara, 59 f).
Dieses Beispiel der Liebe verpflichtet gleicherweise die Schwestern und die Äbtissin selbst. Sie muß sogar den Schwestern vorangehen, auf daß sie, "von ihrem Beispiel entzündet, ihr nicht so sehr wegen des Amtes, als vielmehr aus Liebe gehorchen. Sie soll auch fürsorglich und rücksichtsvoll ihren Schwestern gegenüber sein, wie eine gute Mutter gegen ihre Töchter; besonders aber soll sie sich bemühen, sie nach dem Bedürfnis einer jeden mit den Gaben zu versorgen, die der Herr geben wird. Sie soll auch so gütig und umgänglich sein, daß sie ihr sorglos ihre Nöte offenbaren und zu jeder Stunde vertrauensvoll sich an sie wenden können, wie es ihnen förderlich scheint, sowohl für sich persönlich als auch für ihre Mitschwestern. Die Schwestern aber, die Untergebene sind, sollen eingedenk sein, daß sie um des Herrn willen dem eigenen Willen entsagt haben. Daher will ich, daß sie ihrer Mutter gehorchen, wie sie mit freiem Willen dem Herrn versprochen haben. Die Mutter soll beim Anblick der gegenseitigen Liebe, Demut und Eintracht alle Last, die sie von Amts wegen trägt, leichter tragen. Und das Lästige und Bittere möge ihr um deren heiligen Wandels willen in Süßigkeit verwandelt werden" (Testament Klara,67- 79).
Der Gebrauch der Worte "bitter" und "Süßigkeit" erinnert an die Erfahrung des Franziskus unter den Aussätzigen. Zu Beginn bitter, wandelte es sich ihm dann in Süßigkeit der Seele und des Leibes. Es ist sicher einzigartig und bedeutsam, daß an diese Erfahrung mystischer Süße des Franziskus von Klara in einem so verschiedenen Zusammenhang erinnert wird. Tatsächlich greift sie nur hier auf diese Ausdrücke zurück.
Zum Schluß faßt Klara die wiederkehrende Inspiration ihres Lebens zusammen: Der Herr, seine Mutter, Franziskus, die Kirche; sie führt sie an als Motiv der Beharrlichkeit: "Wir sollen uns also hüten, wenn wir schon den Weg des Herrn betreten haben, daß wir keineswegs durch unsere Schuld und Unwissenheit zu irgendeiner Zeit davon abweichen, damit wir nicht einem so großen Herrn, seiner jungfräulichen Mutter, unserem seligen Vater Franziskus, der triumphierenden und auch der streitenden Kirche Schande machen" (Testament Klara, 74 f).

Der Segen
27. Ihr Segen ist Bestätigung dafür, wie die "Magd Christi" Klara sich berufen fühlte, Mutter ihrer Schwestern zu sein, aber mit einer mütterlichen Ausstrahlung, die die ganze Kirche erreichte, die himmlische und die irdische. Es handelt sich um das vielleicht einzige Dokument dieser Art in der Geschichte der Christenheit, das von einer Frau geschrieben wurde. Es zeichnet sich aus durch eine außerordentlich reiche kirchliche Sensibilität. Es verdient, vollständig aufgeführt zu werden:
"Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Der Herr segne euch und behüte euch.
Er zeige euch sein Angesicht und erbarme sich euer.
Er wende euch sein Angesicht zu und schenke euch den Frieden,
meine Schwestern und Töchter,
und allen anderen, die in eure Gemeinschaft kommen und dort bleiben werden,
und allen übrigen, gegenwärtigen und zukünftigen,
die bis zum Ende ausharren in anderen Klöstern der Armen Frauen.
Ich, Klara, eine Magd Christi, eine Pflanze unseres hochseligen Vaters, des heiligen Franziskus, eure Schwester und eure sowie der anderen Armen Schwestern Mutter, obschon eine unwürdige, bitte unseren Herrn Jesus Christus durch seine Barmherzigkeit und durch die Fürsprache seiner heiligsten Mutter Maria, des heiligen Erzengels Michael und aller Heiligen beiderlei Geschlechts, der himmlische Vater gebe und bestätige euch im Himmel und auf Erden diesen seinen allerheiligsten Segen: auf Erden mehre er euch in seiner Gnade und in seinen Tugenden unter seinen Dienern und Dienerinnen in seiner streitenden Kirche, im Himmel erhöhe und ehre er euch in der triumphierenden Kirche, in der Schar der heiligen Frauen und Männer .
Ich segne euch in meinem Leben und nach meinem Tode, soviel ich vermag, mit all dem Segen, mit dem der Vater der Erbarmungen seine Söhne und Töchter im Himmel und auf Erden gesegnet hat und noch segnen wird, und mit dem ein geistlicher Vater und eine geistliche Mutter ihre geistlichen Söhne und Töchter gesegnet haben und noch segnen werden. Amen.
Seid immer Liebhaberinnen (amatrices) eurer Seelen und aller eurer Schwestern und bewahrt immer das mit Fleiß, was ihr dem Herrn gelobt habt.
Der Herr sei allezeit mit euch und gebe Gott, daß ihr allezeit in ihm seid. Amen"
(Segen der hl. Klara, 1-16).

Die Lebensform
28. Ein grundsätzlicher Schlüssel zum Verständnis des Vorhabens Klaras ist unzweifelhaft die Lebensform, von Franziskus schon von Anfang an erhalten (1212-1213), die Klara mindestens in ihrem Wesenskern im Kapitel VI der endgültigen Regel von 1253 bewahrt.
Klara berichtet, wie Franziskus ihr und den ersten Gefährtinnen die Lebensform gab, gleich nach ihrer Bekehrung, und wie sie und die Schwestern ihm Gehorsam versprachen. Als nämlich Franziskus mit großer Freude sah, wie Klara und die Schwestern so glücklich waren inmitten so vieler Schwierigkeilen, so der Welt entfremdet, arm und der Arbeit hingegeben, wie seine Brüder selbst, wollte er für sie eine Lebensform schreiben.
Im Unterschied zu Franziskus gebraucht Klara nie das Wort "Regel"; sie zieht es vor, "Lebensform" oder "zu leben" (dies gebraucht sie einundzwanzigmal) zu sagen.
Der Inhalt dieser Lebensform ist vollständig "marianisch", in trinitarischer Dimension. Die Form ist für die Töchter und Mägde des Vaters bestimmt, Bräute des Heiligen Geistes, die den Weg der evangelischen Vollkommenheit gewählt haben, d.h. die Nachfolge des Herrn und seiner Mutter, wie es ausdrücklich im "Letzten Willen" gesagt wird, hier textlich eingefügt: "Da ihr euch auf göttliche Eingebung hin zu Töchtern und Dienerinnen des höchsten und größten Königs, des himmlischen Vaters, gemacht und euch dem Heiligen Geist vermählt habt, indem ihr das Leben nach der Vollkommenheit des heiligen Evangeliums erwähltet ...". Wegen dieser Wahl verpflichtet sich Franziskus, für Klara und die Schwestern die gleiche Sorge zu tragen wie für seine Brüder: " ... so will und verspreche ich für mich und meine Brüder, für euch genauso wie für diese immer liebevoll Sorge und besondere Aufmerksamkeit zu hegen" (Regel Klara, IV, 3-4).
Es ist das gleiche trinitarisch-marianische Leben, das Franziskus in dieser gleichen Periode (1212-1215) mit dem "Brief an alle Gläubigen" allen Büßern der Welt anrät. Gerade hier wird gesagt, daß "jede gläubige Seele" (Brief an die Gläubigen I, 1-19), indem sie das Wort Gottes aufnimmt, persönlich am gotteskindlichen, bräutlichen, brüderlichen und mütterlichen Leben Marias im Geist des Herrn teilhat. Alle wahren Büßer oder Gläubigen, insofern sie das Wort Gottes "tun", werden tatsächlich - nach Lk 8, 19-21 - vom Geist des Herrn zu Söhnen des Vaters gemacht, zu Anverlobten des Heiligen Geistes, Brüdern und Müttern unseres Herrn Jesus Christus. Und dies ist eben das dreifaltige Leben Marias. Der Text erinnert auch an die Antiphon des Passionsoffiziums, in dem fast die gleichen Worte wiederkehren, die sich natürlich auf die selige Jungfrau beziehen, "der Tochter und Magd des höchsten Königs, des himmlischen Vaters, Mutter unseres Heiligsten Herrn Jesus Christus, der Braut des Heiligen Geistes ...".
Kann man von einer vollständigen Neuheit sprechen? Die Zeit des Mittelalters war überreich an Erörterungen über das evangelisch-apostolische Leben, dargeboten in vielen verschiedenen Tönen und nicht immer orthodox. Aber die Neuigkeit war, daß zwei "neue" Personen, wie Klara und Franziskus, "erneuert im Geist", es verstanden, dieses evangelische Ideal über die gewöhnlichen feudalen Klassen von Klerikern und Mönchen hinausdringen zu lassen, d.h. mitten in das Volk hinein.

Der letzte Wille
29. Gegen Ende seines Lebens bekräftigt Franziskus Klara die Form des gewählten Lebens - mit genauem marianischem Bezug - durch seinen "letzten Willen". "Ich, der ganz geringe Bruder Franziskus, will dem Leben und der Armut unseres höchsten Herrn Jesus Christus und seiner heiligsten Mutter nachfolgen und in ihr bis zum Ende verharren. Und ich bitte euch, meine Herrinnen, und ich rate euch, ihr möchtet doch allezeit in diesem heiligsten Leben und in der Armut leben. Und hütet euch mit Sorgfalt, damit ihr nicht auf die Lehre oder den Rat von irgend jemand hin in irgendeiner Form auf ewig davon abweicht" (Regel Klara, VI, 7 -9).

Brief an Agnes
30. Es ist also deutlich, daß der "Weg" Klaras und der Schwestern darin besteht, daß Christus im Heiligen Geist in ihnen wie in Maria lebe.
Im dritten Brief an Agnes von Prag betont Klara den gleichen Gedanken, wobei auch sie sich auf den Brief an die Büßer oder Gläubigen bezieht. Sie spricht von der liebenden Braut des Gott-Menschen, die sich in der gottmenschlichen Person des gekreuzigten und glorreich auferstandenen Herrn spiegeln solle, damit sie, vollständig umgewandelt in den Gegenstand ihrer Liebe, eine Stütze der gebrechlichen Glieder seines unaussprechlichen Leibes werde. Darauf fügt sie an:
"Nun ist es klar, daß durch die Gnade Gottes, welche das Wertvollste aller Geschöpfe ist, die Seele des gläubigen Menschen größer ist als der Himmel; denn die Himmel mit den übrigen Geschöpfen vermögen den Schöpfer nicht zu fassen, die gläubige Seele allein ist seine Wohnung und sein Sitz, und dies nur durch die Liebe, welche die Gottlosen entbehren. Denn so spricht die Wahrheit: 'Wer mich liebt, wird von meinem Vater geliebt, und auch ich werde ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen'. Wie also die glorreiche Jungfrau der Jungfrauen ihn leiblich getragen hat, so kannst Du ihn ohne jeglichen Zweifel stets in Deinem keuschen und jungfräulichen Leib geistigerweise tragen, wenn Du ihren Fußspuren nachfolgst, besonders denen ihrer Demut und Armut; ihn wirst Du umfassen, von dem Du und alles umfaßt wird, das wirst Du besitzen, was Du auch im Vergleich mit anderen vergänglichen Besitztümern dieser Welt um so dauerhafter besitzen wirst" (3.Brief an Agnes von Prag, 21-26).

Das Privileg der Armut
31. Besondere Beachtung verdient das Privileg der Armut, das Klara schon 1216 von Innozenz III. erbeten hatte. Der Text bietet eine Synthese der gesamten franziskanisch-klarissanischen Spiritualität, bis heute unüberboten. Wir verdanken den Text Klara selbst. Hier wird Bezug genommen auf die Synoptiker, auf Paulus und Johannes, hier lebt die bräutliche Atmosphäre des Hohenliedes auf. "Wie es offenbar ist, habt ihr in dem Begehren, euch dem Herrn allein zu weihen, dem Verlangen nach zeitlichen Dingen entsagt; darum habt ihr alles verkauft, an die Armen verteilt (vgl. Lk 18, 22) und euch vorgenommen, in keiner Weise irgendeinen Besitz zu haben und in allen Dingen euch an die Fußspuren desjenigen zu heften (vgl. 1 Petr 2, 21), der für uns arm geworden ist (vgl. 2 Kor 8,9), er, der Weg, die Wahrheit und das Leben (vgl. Joh 14,6). Von einem derartigen Vorhaben aber schreckt euch nicht der Mangel an Besitz ab; denn die Linke des himmlischen Bräutigams ist unter eurem Haupte, um, was schwach ist an eurem Körper, den ihr dem Gesetze des Geistes mit geordneter Liebe unterworfen habt (Hld 2,6; 8,3), zu stützen. Sicherlich wird der, der die Vögel des Himmels nährt und die Lilien des Feldes kleidet, es nicht an Nahrung und Kleidung fehlen lassen, bis er selbst umhergehend auch bedient in Ewigkeit (vgl. Mt 6, 26-28; Lk 12, 37), wenn nämlich seine Rechte glückseliger euch umarmt in der Fülle der Schau. Wie ihr also gebeten habt, so bekräftigen Wir euer Vorhaben allerhöchster Armut mit apostolischer Gunst, indem Wir euch durch die Autorität gegenwärtigen Schreibens zugestehen, daß ihr von niemand gezwungen werden könnt, Besitzungen anzunehmen. Wenn aber eine Frau ein derartiges Vorhaben nicht beobachten will oder kann, so soll sie keine Stätte bei euch haben, sondern an einen anderen Ort versetzt werden" (Privileg der Armut, 2-8).

Die Regel
32. Obgleich die endgültige Regel gegen Ende des Lebens Klaras geschrieben wurde - nach dem Testament oder in der gleichen Periode - bietet sie doch präzise autobiographische Daten für die Anfänge ihres evangelischen Lebens und andere bedeutsame Angaben. In eben demselben Prolog, in dem der Papst und der Kardinal Rainald sprechen, finden wir zweifellos die gleichen Gedanken, die in der Bitte enthalten waren, die Klara einreichen mußte, um dafür die Approbation zu erhalten. Der Kardinal sagt in Übereinstimmung mit dem Papst ausdrücklich, daß diese Lebensform, nach der Klara und die Schwestern "in der Eintracht des Geistes und dem Gelübde der höchsten Armut" leben müssen, ihnen von Franziskus in Wort und Schrift übergeben wurde. Der Kardinal führt noch einzeln aus - wobei er Klara "geliebte Tochter und Mutter" nennt -, daß die Schwestern, den Fußspuren Christi selbst und seiner heiligsten Mutter folgend, sich entschieden haben, in Abgeschlossenheit zu wohnen (incluso corpore) und dem Herrn in höchster Armut "mit freier Seele" zu dienen.
Das ist also der Kernpunkt der Regel: "Das heilige Evangelium unseres Herrn Jesus Christus zu beobachten durch ein Leben in Gehorsam, ohne Eigentum und in Keuschheit."
Das Leben der Schwestern, das gekennzeichnet ist durch Einheit des Geistes, gegenseitige Liebe und höchste Armut, beruht auf der Mitverantwortlichkeit aller Schwestern zum gemeinsamen Wohl (vgl. Regel Klara II, 1). Den Kandidatinnen soll sorgfältig die Grundhaltung dieses Lebens "erklärt" werden (Regel Klara II, 19-20). Die Äbtissin oder Mutter soll in voller Eintracht zum gemeinsamen Wohl gewählt werden (vgl. Regel Klara IV, 3), es muß eine Profeßschwester sein (gegen den Brauch der Zeit, auch Nicht-Professen zu wählen), beispielhaft und offen zum Dialog (vgl. Regel Klara IV, 4-18).
Um die Einheit und den Frieden besser zu bewahren wird festgesetzt, daß die Amtsschwestern des Klosters unter gemeinsamer Zustimmung aller gewählt werden (vgl. Regel Klara IV, 22). Die Äbtissin bediene sich immer des Rates der Ratsschwestern (vgl. Regel Klara IV, 23). Der Rat ist eine Neuerung, die von Klara eingeführt wurde.

33. Nach Kapitel V, das vom Schweigen handelt, vom Gitter und ähnlichen Themen, fügt Klara überraschend andere fünf Kapitel ein (VI - X), von gänzlich anderem Inhalt und anderer Atmosphäre, wobei sie auch das Thema der Klausur unterbricht, das in Kapitel XI wieder aufgenommen wird. Dies ist eine jähe Unterbrechung, gegen jedes innere Gesetz der Regel. Es ist offensichtlich, daß es sich um fünf Kapitel handelt, die ihr besonders am Herzen liegen und auf denen sie als feste und bestimmte Frau besteht, als auf charakteristischen und unersetzlichen Punkten, da sie evangelisch-franziskanisch sind.
Von Kapitel VI sprachen wir schon. Es enthält die bewegende Erinnerung an ihren geistlichen Weg, der von der Lebensform und dem Testament des Franziskus angeregt wurde. Hier findet sich ein Hinweis auf die Armut, in der bis zum Ende zu verharren ist, doch wird ein kleines Stück Land als Garten zugestanden, für den Lebensunterhalt und die notwendige Abgeschiedenheit.
Das Kapitel VII nimmt ein für Franziskus wesentliches Thema auf: Vorrang des Geistes des Gebetes und der Hingabe, dem alle "zeitlichen" Dinge dienen sollen, nämlich die körperliche und geistige Arbeit, das Lernen, die Werke der Nächstenliebe, die Frömmigkeitsübungen, die
Bußübungen. Tatsächlich ist die Gnade der Arbeit ein Geschenk, eine Eingebung des Herrn, die nicht nur den der Seele schädlichen Müßiggang ausschließt, noch den Geist des Gebetes und der Hingabe erstickt, sondern ihm dienen und ihn stärken soll. Es ist stets der Geist des Herrn, der Leben gibt zu jedem guten Werk, sei es Gebet, Arbeit oder eine andere "zeitliche" menschliche Tätigkeit. Also wäre die Arbeit, aber auch eine andere Tätigkeit wie z.B. das Gebet, die nicht vom Herrn eingegeben wäre, sondern von egoistischer oder narzißtischer Liebe, nicht dem Geist gemäß, der Leben gibt, sondern entspräche dem Buchstaben, der tötet (vgl. Erm. VII, XIV).
Dieser Gedanke, der Geist ist es, der Leben gibt, kehrt im X. Kapitel wieder. Klara folgt hier der Regel des Franziskus, aber vertieft den zentralen Kern. Es handelt sich um den Gegensatz zwischen Geist und Fleisch: die Eigenliebe, Feind der wahren Gottes- und Nächstenliebe; im Gegensatz dazu der Geist des Herrn, der uns mit reinem Herzen beten und in Demut und Geduld leben läßt, so daß wir sogar jene lieben, die uns verfolgen.
Hören wir Klara: "Ich mahne jedoch im Herrn Jesus Christus dringend, daß die Schwestern sich hüten mögen vor allem Stolz, eitler Ruhmsucht, Neid, Habsucht, der Sorge und dem geschäftigen Treiben der Welt, vor Ehrabschneiden und Murren, Auseinandersetzung und Entzweiung. Immer sollen sie besorgt sein, einander die Einigkeit der gegenseitigen Liebe zu bewahren, die das Band der Vollkommenheit ist. Und die keine wissenschaftliche Ausbildung haben, dürfen nicht danach trachten, sich wissenschaftliche Bildung zu verschaffen; sie sollen vielmehr darauf achten, daß sie über alles verlangen müssen, den Geist des Herrn zu besitzen und sein heiliges Wirken, allzeit mit reinem Herzen zu ihm zu beten, Demut und Geduld in Trübsal und Krankheit zu bewahren und jene zu lieben, die uns verfolgen, tadeln und anschuldigen; denn der Herr sagt: Selig, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, denn ihrer ist das Reich der Himmel. Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden" (Erm X, 6-13).

34. Es ist also ein und derselbe Geist des Herrn, der in heiliger Weise das Gebet und die gegenseitige Liebe bewirkt und im Ausharren zur endgültigen Rettung führt.
Um die schöpferische Kraft Klaras zu erfassen, muß man besonders die "Anfügungen" hervorheben, die sie zu den einfachen Worten des Franziskus macht, nämlich die Hinweise auf Paulus bezüglich der evangelischen Vollkommenheit. Aus dem Brief an die Kolosser 3, 14: "Super omnia autem haec, charitatem habete, quod est vinculum perfectionis" (Vor allem aber liebet einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht.).
Aus dem Brief an die Epheser 4, 3: "Solliciti servare unitatem spiritus in vinculo pacis" (und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält). Auf den Brief an die Galater 5, 14-21 bezieht sie sich, wenn sie von Auseinandersetzung und Entzweiung spricht. Die paulinischen Texte dienen Klara gut, um zu erklären, was es auf sich hat mit dem: "Sie sollen vielmehr darauf achten, daß sie über alles verlangen müssen, den Geist des Herrn zu besitzen", von dem Franziskus spricht. Es ist der Geist des Herrn, der persönlich in uns in heiliger Weise die Einheit der gegenseitigen Liebe bewirkt, indem er uns stets mit einem reinen Herzen beten läßt. Es ist wiederum der Geist des Herrn, der uns an seinem eigenen Leben teilhaben läßt und an dem seiner Mutter. In diesem trinitarischen und marianischen Leben nach dem Evangelium stellt Klara die beispielhaften Bezugspunkte für ihren Weg der Vollkommenheit auf. Sie blickt auf Maria, die verborgen und still in Nazareth lebt, die arme und demütige Magd des Herrn, die Braut des Geistes, Mutter Christi, Jungfrau, zur Kirche gemacht und wir in ihr (vgl. Gruß Maria, 1-6). Obgleich Klara dieses kontemplative Gebetsleben in der Klausur nicht näher verdeutlicht, ist es sicher, daß ihre "marianische" Ausrichtung zur vollen Gotteserfahrung in der Nähe zum trinitarischen Leben aufruft, mit dem Herrn und seiner Mutter im Heiligen Geist, bis zum mystischen Höhepunkt, wie die Schriften Klaras (und des Franziskus) beweisen, sowie die reiche Tradition der Klarissen.

35. Ein Zeugnis von Thomas von Celano führt uns zum Verständnis dieser Konzeption des klarissanischen Lebens: "Vornehmlich blüht unter ihnen vor allem die Tugend gegenseitiger und stetiger Liebe, die ihren Willen so sehr in eins verbindet, daß, mögen vierzig oder fünfzig gleichzeitig irgendwo beisammen sein, ihr gleichgerichtetes Wollen und Nichtwollen in ihnen einen Geist aus vielen schafft ...Zweitens ... die Demut ... Drittens die Jungfräulichkeit ...Es entsteht in ihren Herzen eine große Liebe zu ihrem Bräutigam ... Viertens die allerhöchste Armut ... Fünftens die Gnade der Enthaltsamkeit und Schweigsamkeit ... Sechstens Geduld, so daß keine Unbill und Beschwerde ihr Herz brechen oder umstimmen können ... Siebtens der höchste Grad der Beschauung, sie verstehen es glücklich, mit ihrem Geist sich zu Gott zu erheben" (1 Celano 19). Wie man sieht, kommentiert Celano die Regel Klaras nach der Hierarchie der Tugenden. Ebenso tut er es für die erste Brüderschaft der Minderen Brüder, die auf dem festen Boden wahrer Demut gegründet ist (1 Celano 38), wobei er anfügt (1 Celano 46): "Denn so sehr hatte sie die heilige Einfalt erfüllt, so sehr war die Lauterkeit des Lebens ihre Lehrmeisterin geworden, so sehr hatte die Reinheit des Herzens von ihnen Besitz genommen, daß sie gar nichts wußten von einer Zwiespältigkeit der Gesinnung; denn wie ein Glaube, so lebte auch nur ein Geist in ihnen, ein Wille, eine Liebe, stete Eintracht der Herzen, Einklang der Sitten, Pflege der Tugend, Gleichförmigkeit im Denken und Liebe im Handeln."

36. Wir wissen alle, wie sich dieser absolute Primat der Liebe im Laufe der Jahrhunderte in gewisser Weise verdunkelte durch Uneinigkeiten und Spaltungen, auch im Orden der heiligen Klara, aus mehr oder weniger nebensächlichen Motiven, nämlich der Interpretation des Klausurgesetzes, der Gebetspraxis, des Fastens und der Abstinenz, der Kleidung usw. Man vergaß dabei oft, daß nur der Geist des Herrn der Klausur, der Armut, der Demut, der Buße Sinn und Leben verleiht. Wie betont Franziskus in den Ermahnungen, Kapitel 14: "Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich. Viele gibt es, die in Gebeten und Gottesdiensten eifrig sind und ihrem Leib viele Entsagungen und Abtötungen auferlegen, die aber an einem einzigen Wort, das ihrer Person Unrecht zu tun scheint, oder wegen einer beliebigen Sache, die man ihnen fortnimmt, Anstoß nehmen und darüber sofort in Aufregung geraten. Diese sind nicht arm im Geiste, denn wer wirklich arm im Geiste ist, haßt sich selbst und liebt jene, die ihn auf die Wange schlagen".
Das einzig entscheidende Kriterium der wahren Liebe zu Gott und zu den Brüdern, der wahre Liebesgehorsam, ist, so barmherzig zu lieben wie Gott Vater . Eine solche Liebe ist besser als ein Leben in einer Einsiedelei, wie Franziskus einem Minister mitteilte, der, ermüdet von den Problemen, die ihm die Brüder bereiteten, sich in eine Einsiedelei zurückziehen wollte (Brief an die Minister, 1-22).

37. Es dürfte nicht unnütz sein, hier an ein anderes Übel zu erinnern, das Franziskus und Klara entschieden verurteilen, da es von Gott "gehaßt" werde: die Sünde der Verleumdung, des Murrens und der Lästerung, verursacht durch Neid und Ruhmsucht. Diese Sünde ist dem Geist des Herrn und der Einheit in gegenseitiger Liebe vollständig entgegengesetzt: als "Verderben des Ordens" sieht es Franziskus (vgl. Nb Regel, XI, XVII; 2 Celano, 182 f). Unsere vielgestaltige franziskanische Familie hat damit schmerzhafte Erfahrung gemacht. Zu oft haben wir uns geteilt und voneinander getrennt nur aufgrund gegenseitiger negativer Urteile, oft über sekundäre und unwesentliche Probleme. Ausgehend also vom dreifaltigen Leben, vom "ut sint unum sicut et nos sumus" (vgl. Joh 17; Brief an die Gläubigen I und II; Nb Regel, XXII), ist ein aufrichtiges Bemühen notwendig zur wahren Einheit im Reichtum der vielgestaltigen Verwirklichung des grundlegenden Vorhabens. Im VIII. Kapitel nimmt Klara das Thema der höchsten Armut des VI. Kapitels der Bull. Regel des Franziskus wörtlich auf, indem sie aber die Bezugnahme auf die Armut der Mutter des Herrn hinzugefügt und den Stil dem weiblichen Empfinden anpaßt. Beachtenswert ist die Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse der Schwestern, Zeichen von Vertrauen auf die persönliche Reife einer jeden.

38. Es ist bezeichnend, daß Franziskus und Klara die höchste Armut und die brüderliche Liebe in einem Kapitel zusammenfassen. Dem Herrn und seiner Mutter folgen, so meint Klara, ohne etwas Eigenes unter dem Himmel zu eigen zu haben, wobei der Herr und seine Mutter der einzige Reichtum sind, führt zur Bildung einer "neuen" Familie "geistlicher" Schwestern, d.h. die auf den Geist gegründet sind, in der der einzige Vater, der himmlische, und die einzige Mutter Maria ist, von der sich die Schwestern gegenseitig die Mutterschaft im Geist mitteilen.
Das Kapitel IX handelt von der Buße, verpflichtend in Folge aller schweren Sünden, auch wenn diese in einem Kontext von Barmherzigkeit steht. Die Schwestern werden ermahnt, nicht über die Sünde der Anderen zornig oder aufgebracht zu werden; dies wäre gegen die schwesterliche Liebe. Wenn eine Schwester Ärgernis gegeben hat oder Anlaß zu Aufregung, möge sie demütig um Verzeihung bitten, noch ehe sie vor dem Herrn die Gabe ihres Gebetes darbringt. Jene aber sollen ihr verzeihen, um von Gott Barmherzigkeit zu erfahren.
Im XII. Kapitel erbittet Klara geistlichen und materiellen Beistand von seiten der Brüder; diese sollen vorsichtig zurückhaltend und Liebhaber eines heiligen und ehrbaren Lebenswandels sein. Schließlich erbittet sie bei der heiligen Römischen Kirche einen Schutzherrn, um allezeit der Kirche treu sein und in der Kirche treu das Evangelium beobachten zu können, was sie versprochen haben.

"Hört, kleine Arme"
39. Eine Bestätigung der Liebe, mit der Franziskus Klara und den Schwestern verbunden ist, wird im "Hört, kleine Arme" gegeben, ein "gesungenes" Testament, das Franziskus den Schwestern vor seinem Tod überlassen hat.
"In jenen Tagen und an demselben Ort sprach Franziskus, nachdem er das Lob des Herrn für seine Geschöpfe gesungen hatte, auch heilige Worte mit einer Melodie, zum großen Trost der Armen Frauen des Klosters San Damiano, vor allem, weil er wußte, wie sehr sie über seine Krankheit betrübt waren. Und da er sie wegen der Krankheit nicht selber besuchen und trösten konnte, wollte er, daß seine Gefährten den Klausurierten diesen Gesang brächten und vorsängen. In ihm wollte Franziskus den Schwestern jetzt und für immer sein Ideal aufzeigen; sie sollten ein Herz in der Liebe und im schwesterlichen Zusammenleben sein. Als nämlich die Brüder noch wenige waren, hatten sie sich zu Christus bekehrt, nach dem Vorbild und den Ratschlägen von ihm, Franziskus. Ihre Bekehrung und ihr heiliges Leben ist doch Ehre und Auferbauung nicht nur des Ordens der Brüder, dessen kleine Pflanze sie sind, sondern auch der ganzen Kirche Gottes.
Und da er wußte, daß sie von den Anfängen an ein hartes Leben geführt hatten, sei es durch freie Wahl oder durch Notwendigkeit, brachte er ihnen stets Mitgefühl und Liebe entgegen. So bat er sie denn in jenem Lied, sie möchten, seit sie der Herr von vielen Gegenden in der heiligen Liebe, der heiligen Armut und dem heiligen Gehorsam vereinigt habe, in diesen Tugenden weiterhin leben und sterben.
Besonders empfahl er, daß sie die Almosen, die ihnen der Herr zukommen ließ, mit weiser Unterscheidung, mit Freude und Dankbarkeit für die Notwendigkeiten des Leibes verwendeten, daß die gesunden Schwestern in den Mühen der Krankenpflege, sowie die Kranken in ihren Krankheiten und Gebrechen Geduld hätten" (Legenda Perugina, 45).

40. In diesem Text, der von soviel Zärtlichkeit geprägt ist, ist mehr als ein Echo dessen enthalten, was Franziskus auch seinen Brüdern gesagt hatte, die ihm in seiner Krankheit dienten: "Meine lieben Brüder und Söhne, habet nicht Überdruß und Mühsal mit meiner Pflege in dieser Krankheit. Der Herr wird euch in dieser Welt und in der anderen die Frucht der Mühen zurückerstatten, die ihr für mich, seinen Diener, gehabt habt. Er wird euch auch dafür vergelten, was euch anficht, in meiner Pflege nachlässig zu sein. Ihr werdet für den Dienst, den ihr mir erweist, sogar eine größere Vergeltung erhalten als die jener erhält, der für das Gut des ganzen Ordens verantwortlich ist. Sagt mir: Wir haben Ausgaben für dich; aber an deiner Stelle wird Gott unser Schuldner sein. So sprach der heilige Vater , um die Mattigkeit und Schwäche des Geistes der Gefährten zu vertreiben und sie zu ermutigen, damit sie nicht, versucht durch die Müdigkeit, sagten: 'Wir kommen gar nicht mehr zum Gebet und können diese Mühe nicht mehr ertragen!' Sie sollten nicht, von Niedergeschlagenheit und Überdruß erfaßt, das Verdienst dieser Mühe verlieren" (Legenda Perugina,47).

III. Chiara Donna fedele - Klara, die treue Frau

41. Ein Titel, der Klara zweifellos zukommt, ist der der "treuen Jungfrau". Bis zum Ende blieb sie dem Vater treu, dem gekreuzigten Herrn, der seligen Jungfrau Maria, der Kirche, Franziskus, der ganzen Franziskanischen Familie, jeder der Schwestern, ihrer Stadt Assisi, der ganzen Menschheit; und, man könnte anfügen, dem Kosmos.
Der Inhalt der Worte Vertrauen, Treue und treu wird für Klara und Franziskus besser ausgedrückt mit "treue Seele" oder, wie Klara verdeutlicht, "die Seele des treuen Menschen". Wiederum ergibt sich ein solcher Reichtum aus der Teilhabe am dreifaltigen Leben, kindliche, bräutliche, geschwisterliche und mütterliche - marianische - Teilhabe. Das vollkommene Leben nach dem Evangelium ist in der Tat diese enge und persönliche Gemeinschaft mit den göttlichen Personen. Franziskus und Klara sind Zeugen dieser unaussprechlichen Süßigkeit, die Gott denen verleiht, die bereit sind, den zu lieben, "der sich um Deiner Liebe willen gänzlich hingegeben hat" (3. Brief an Agnes, 14 f), und von dem Franziskus sagt: "Behaltet darum nichts von euch für euch zurück, damit euch als Ganze aufnehme, der sich euch ganz hingibt! " (Brief an den Orden, 29).

Sorge um die menschliche Schwäche
42. In den Schriften Klaras bemerkt man eine stete Sorge um die menschliche Schwäche, innerhalb und außerhalb der Mauem von San Damiano. Das Leben der Schwestern und der Brüder selbst war tatsächlich hart, auch wenn es frei gewählt und mit Freude gelebt wurde. Man versteht, wie die Versuchung, um Milderung und Dispens zu ersuchen, sich einschleichen konnte, besonders von seiten der Brüder. Die Päpste selbst wollten diese höchste Armut mildern. Daher rührt der aktive und passive Widerstand Klaras bis zum Totenbett, ihr Bestehen auf dem "nicht Abweichen", auf das "Stehen zum Versprechen", ihr unermüdlicher Kampf, um das Privileg der Armut zu erhalten und es dann zu verteidigen. Ihr persönlicher Erfolg in diesem Willen der Treue zu einer extrem harten Sache tritt um so mehr hervor, wenn man bedenkt, daß nach ihrem Tod diese "ihre" Regel aufgegeben wurde, und nicht nur von denjenigen, die ihr die von Urban IV. vorzogen, sondern auch von jenen Armen Schwestern, die ihr formal folgen wollten. In Klara besiegte das sogenannte schwache Geschlecht das starke. Sie erwies sich tatsächlich als die starke Frau, die verdient, mit Maria unter dem Kreuz verglichen zu werden, wie es im Prozeß geschieht. Gleichsam um die besondere Sorge Klaras um die Treue auszugleichen, findet man in ihren Schriften die ausgeprägte Bestätigung des Vorrangs der heiligen Einheit in der gegenseitigen Liebe. Klara weiß wohl, daß ohne diese Einheit die Armut selbst unmöglich wird - dies erweist eine jahrhundertelange Geschichte von Spaltungen; nicht selten haben sogar Gründungen neuer Klöster ihren Ursprung mehr in der Uneinigkeit als in der schöpferischen Kraft. Wir dürfen nicht den starken Hinweis des Privilegs der Armut von Innozenz III. von 1216 vergessen: "Wenn aber eine Frau ein derartiges Vorhaben nicht beobachten will oder kann, so soll sie keine Stätte bei euch haben ...". Besorgt ist der Schluß mit dem Friedensgruß: "Euch allen aber und denen, welche an eben derselben Stätte die Liebe Christi bewahren, sei der Friede unseres Herrn Jesus Christus ..."

"Befolge den Rat des Generalministers"
43. Die Ermahnungen der Regel, "die Einheit der gegenseitigen Liebe und des Friedens zu bewahren" (IV, 22), sind dringend: "Immer aber sollen sie besorgt sein, einander die Einigkeit der gegenseitigen Liebe zu bewahren, die das Band der Vollkommenheit ist" (X, 8). Klara weiß, wie Franziskus, daß die Uneinigkeit der Sieg des Fleisches über den Geist ist, in ihren Früchten des Stolzes, der eitlen Ruhmsucht, des Neides, des Murrens, der Verleumdung und der Ehrabschneidung. Diese "geistigen" Laster kommen aus dem "Herzen" des fleischlichen Menschen.
Der zweite Brief an Agnes ist ein anderes Dokument der Treue Klaras. Er wurde geschrieben, um die große Freundin in ihrem Kampf zur Verteidigung der Armut zu unterstützen, welche die gleichen höheren kirchlichen Autoritäten für ein unvernünftiges und unmögliches Vorhaben hielten. Dieser Brief verdient es, mit Aufmerksamkeit gelesen zu werden.
"Dank sage ich dem Spender der Gnade, von dem jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk, wie wir glauben, ausgeht, weil er Dich mit solchem Tugendglanz geschmückt und mit Zeichen so großer Vollkommenheit verherrlicht hat, daß Du verdienst, des vollkommenen Vaters eifrige und vollkommene Nachahmerin zu werden, auf daß sein Auge in Dir nichts Unvollkommenes sehe. Dies ist jene Vollkommenheit, durch die der König selbst sich Dir im himmlischen Brautgemach zugesellen wird, wo er glorreich auf einem Sternenthrone sitzt, weil Du die Höhe irdischer Königswürde gering geachtet und das Anerbieten kaiserlicher Ehre als zu wenig gewürdigt hast, aus Liebe zur heiligsten Armut. Im Geist tiefer Demut und glühendster
Liebe folgst Du mit absoluter Treue den Fußspuren desjenigen, dem angetraut zu werden Du verdient hast ...
Weil aber nur eines notwendig ist, so beteuere ich dies eine und mahne Dich durch die Liebe dessen, dem Du Dich als heiliges und wohlgefälliges Opfer dargebracht hast, daß Du, eingedenk Deines Vorsatzes, wie eine zweite Rachel stets das als Deinen Grundsatz im Auge hast: was Du erreicht hast, das halte fest; was Du tust, tue es gut; lasse nicht ab, sondern eile in schnellem Lauf, mit leichtem Schritt, sicheren Fußes, daß nicht einmal der Staub Dich vom Voranschreiten abhalte, schreite zuversichtlich und froh auf dem Pfad der Seligkeit, der Dir zugesagt ist. Glaube keinem und lasse Dich von keinem verleiten, der Dich von diesem Vorsatz abzubringen versucht oder Dir Hindernisse in diesen Weg legt, um Dich daran zu hindern, dem Allerhöchsten Deine Gelübde mit jener Vollkommenheit entrichten zu können, zu der der Geist des Herrn Dich berief.
Damit Du aber den Weg der Gebote des Herrn um so sicherer wandelst, befolge die Ratschläge unseres ehrwürdigen Vaters, unseres Bruders Elias, des Generalministers. Seine Ratschläge ziehe denen irgendeines Anderen vor und halte sie für kostbarer als jegliches Geschenk. Wenn Dir aber jemand etwas anderes sagt oder einflüstert, was den Weg der Vollkommenheit hindert; den Du eingeschlagen hast, oder was Dir der göttlichen Berufung entgegen scheint, so folge dennoch seinem Rat nicht, auch wenn er Dir verehrungswürdig wäre, sondern umfange, arme Jungfrau, den armen Christus" (V. 3- 7, 10-18).

"Wir sind der Spiegel"
44. Der Bezug auf das Testament und auf den Druck, der von Papst Gregor IX. ausging, ist leicht erkennbar. Klara zielt entschieden auf den armen Christus in Person, dem Agnes Braut sein möchte. Sie beschreibt seine schmerzhafte Schönheit im Augenblick der Passion (vgl. Jes 53, 2-4). Leidet sie mit ihm, wird sie auch die himmlische Herrlichkeit erlangen:
"Sieh, daß er um Deinetwillen verachtenswert geworden ist, und folge ihm nach, werde Du selber verachtenswert um seinetwillen in dieser Welt. Deinen Bräutigam, schöner als Menschenkinder, um Deines Heiles willen der Niedrigste der Menschen geworden, verachtet, zerschlagen und am ganzen Körper vielfältig gegeißelt, sogar in Kreuzesnöten gestorben, ihn, vieledle Königin, schaue an, betrachte, beschaue und begehre nachzuahmen. Wenn Du mit ihm leidest, wirst Du mit ihm herrschen, wenn Du mit ihm Mitleid empfindest, wirst Du mit ihm frohlocken, wenn Du mit ihm am Kreuz der Trübsal stirbst, wirst Du in der Herrlichkeit der Heiligen die himmlischen Wohnungen besitzen und Dein Name wird im Buch des Lebens aufgeschrieben werden, damit er glorreich unter den Menschen wird" (2. Brief an Agnes, 19-22).

45. Eine ähnliche Beschwörung zur Treue finden wir an einigen Stellen des Briefes an Ermentrudis von Brügge: "Liebste, sei dem treu, dem Du Dein Versprechen gegeben hast; von ihm nämlich wirst Du mit dem Lorbeerkranz des Lebens gekrönt werden ... Widrige Leiden ertrage gerne und günstige Dinge mögen Dich nicht überheblich machen. Diese nämlich fordern dringend den Glauben und jene vertreiben ihn. Was Du Gott gelobt hast, gib treulich zurück, und er selbst wird Dir vergelten. Liebste, blick auf zum Himmel, der uns einlädt, und nimm das Kreuz und folge Christus, der uns vorangeht ... Betrachte doch ja beständig die Geheimnisse des Kreuzes und die Ängste der Mutter, da sie unter dem Kreuze stand. Bete und wache allezeit! Vollende leidenschaftlich das Werk, das Du wohl begonnen. Versieh in heiliger Armut und in echter Demut den Dienst, den Du aufgenommen hast. Fürchte Dich nicht, meine Tochter, der in all seinen Worten getreue Gott wird über Dich und über Deine Töchter seinen Segen ausgießen ... Wenn wir nämlich so, eine der anderen, die Last der Liebe tragen, werden wir leicht das Gesetz Christi erfüllen" (Brief an Ermentrudis, 4-17).
Der deutliche Wille Klaras, Gott, Christus, der Kirche, Franziskus, den Schwestern, der Menschheit radikal treu zu bleiben, tritt noch entschiedener in ihrem Testament hervor , schon in der Einleitung: "... Je vollkommener und größer unsere Berufung ist, desto mehr schulden wir ihr das Höchste" (Testament Klara, 3).
Zitieren wir die bezeichnendsten Abschnitte: "Mit welcher Sorgfalt also, mit welchem Eifer des Geistes und Körpers müssen wir die Gebote Gottes und unseres Vaters beobachten, auf daß wir mit der Hilfe Gottes ihm das Talent vervielfältigt zurückgeben! Der Herr selbst nämlich hat uns nicht allein den anderen Menschen als ein Vorbild zum Beispiel und Spiegel aufgestellt, sondern auch unseren Schwestern, die der Herr zu unserer Berufung rufen wird, auf daß sie gleichfalls denen, die in der Welt leben, Spiegel und Beispiel seien. Da uns also der Herr zu so Großem berufen hat, daß diejenigen in uns sich spiegeln können, die anderen zum Spiegel und Beispiel gegeben wurden, so sind wir sehr gehalten, Gott zu preisen und zu loben und uns noch mehr zu stärken, um im Herrn Gutes zu tun" (Testament, 18-22).

"Christus wird uns die Kraft geben, auszuharren"
46. Die Treue zur Armut geschieht dem Sohn Gottes gegenüber, der, "solange er auf Erden lebte, niemals von dieser heiligen Armut abweichen wollte" (Testament Klara, 35) und Franziskus gegenüber, der, "seinen Fußspuren nachfolgend, niemals von der heiligen Armut, dieser für sich und seine Brüder erwählt hatte, abwich, weder in seinem Beispiel noch in seiner Lehre" (Testament Klara, 36).
Stärker noch ist die Erklärung ihres persönlichen Willens: "Ich, Klara, obschon unwürdige Magd ..., wie ich immer eifrig bemüht und besorgt gewesen bin, die heilige Armut, die wir dem Herrn und unserem heiligen Vater Franziskus zu beobachten und von den anderen beobachten zu lassen versprochen haben, so sollen auch diejenigen, die mir im Amt nachfolgen, gehalten sein, bis ans Ende unser Gelübde der heiligsten Armut zu beobachten" (Testament Klara, 37,40-41).
Die Treue gilt aber nicht nur der Armut. Klara mahnt inständig die gegenwärtigen und kommenden Schwestern, "sich mit Leidenschaft zu bemühen, den Weg heiliger Einfalt, Demut und Armut nachzugehen, wie auch einen ehrbaren und heiligen Wandel zu führen; so nämlich wurden wir seit dem Anfang unserer Bekehrung von Christus und von unserem überaus seligen Vater Franziskus belehrt" (Testament Klara, 56-57).

47. Der Schluß des Testamentes ist ein brennender Aufruf zu dieser gänzlichen Treue: "Und weil der Weg und Pfad, auf dem man geht, eng, und die Pforte, durch die man zum Leben eintritt, schmal ist, so sind es nur wenige, die darauf wandeln und durch sie eintreten; und wenn es schon wenige sind, die eine Zeitlang darauf wandeln, so sind es die wenigsten, die auf ihm ausharren. Selig aber sind jene, denen es gegeben ist, auf ihm zu wandeln und auszuharren bis ans Ende. Wir sollen uns also hüten, wenn wir schon den Weg des Herrn betreten haben, daß wir keineswegs durch unsere Schuld und Unwissenheit zu irgendeiner Zeit davon abweichen, damit wir nicht einem so großen Herrn, seiner jungfräulichen Mutter und unserem Vater Schande machen ... Daher beuge ich meine Knie vor dem Vater ..., damit ... der Herr selbst, der einen guten Anfang verliehen hat, auch das Wachstum gebe; auch gebe er die Beharrlichkeit bis ans Ende. Amen" (Testament Klara, 71-78).

IV. Fedeli a Chiara nel nostro Tempo - Treue zu Klara in unserer Zeit

48. Die Jubiläumsfeier Klaras kann nur den Zweck haben, vor der Kirche und der Welt von heute das Bild Klaras lebendig zu erhalten als ein Vorbild zum Beispiel und Spiegel der Werte, die auf den Höchsten zurückgehen, und nach denen der Mensch Bedürfnis und Sehnsucht spürt.
Natürlich soll dieses Bild Klaras vor allem im Leben ihrer Töchter und Schwestern aufleben, die über alle Kontinente verstreut sind. Der "Weg" Klaras kann auch für unsere Zeit eine anziehende Kraft werden, wenn sich die Töchter und Schwestern froh und engagiert um ihre Aufgabe der Bekehrung und des Wandels bemühen. Es handelt sich hier um eine ständige Weiterbildung, unermüdlich bis zum letzten Tag auf dem Weg der evangelischen Vollkommenheit fortzuschreiten, gemäß dem Beispiel Klaras und den Zeichen der Zeit.
Ausbildung und Weiterbildung erfordern eine Treue zur Identität, aber in unserer Zeit. Natürlich ist die Regel dabei der Ausgangspunkt. Sie fordert: Diejenigen, welche dieses Leben annehmen wollen, sollen "genau nach unserer Lebensweise" von den ausbildenden Schwestern ausgebildet werden (Regel Klara II, 19-20). Eine Garantie des besseren Vorgehens bei der Wahl der Äbtissin - die Erstverantwortliche der Ausbildung - scheint in der Gemeinschaft mit den Brüdern zu liegen: "Bei der Wahl der Äbtissin sollen sie rechtzeitig sorgen, daß der General- oder Provinzialminister des Ordens der Minderen Brüder anwesend sei, der sie bei der Wahl durch das Wort Gottes anleite zur völligen Eintracht und zum gemeinsamen Wohl" (Testament Klara IV,I-3).
Das Wort Gottes als Instrument der Ausbildung lag Klara sehr am Herzen. Dies zeigt auch ihre Sorge, gut ausgebildete und fähige Prediger zu haben. Klara "verkostete" wahrhaft das Wort Gottes. Bezeichnend ist die Erzählung, daß Klara einmal bei der Predigt von Philipp Longo, einem guten Kenner der Hl. Schrift, der Herr Jesus Christus in der Gestalt "eines anmutigen Knaben" erschien. Dies deutet an, daß das gut gehörte und angeeignete Wort Gottes in uns den Herrn gleichsam neu entstehen läßt unter dem Handeln des Heiligen Geistes (Heiligsprechungsprozeß X, 8). Es scheint sogar, daß Klara einen "Hungerstreik" androhte, als ihr die Prediger genommen wurden (Legende Klara, 37).

49. Eingedenk dessen, daß der Maternalismus der Feind einer ernsten Ausbildung ist, fordert Klara, die zwar überzeugt ist von der unersetzlichen Rolle der Äbtissin, doch stark die Mitverantwortlichkeit aller Schwestern, auch, um die Reifung der einzelnen Person zu begünstigen. Übrigens hatte sie selber immer das Beispiel eines Geistes des Dienstes gegeben, der auf die Demut und Mutterschaft der seligen Jungfrau Maria zurückging. Die Sorge Klaras scheint um eine wahrhaft schwesterliche Gemeinschaft zu gehen, offen und verständnisvoll gegen jene Fälle psychischer und geistlicher Schwäche, die auch in jener Ursprungsgemeinschaft nicht völlig fehlten.

Es ist der Geist, der lebendig macht
50. Es ist völlig unrealistisch zu denken, das, was Klara und ihre Schwestern uns als Erbe hinterlassen haben, heute genau wörtlich vorlegen zu können. Ein Buchstabe, eine Norm, verständlich und gut in einem bestimmten historischen Umfeld, müssen immer zurückgeführt werden auf jenen Geist des Herrn, der sie eingab, um zu verstehen, wie sie heute übermittelbar sind. Der Gedanke von Klara und Franziskus ist in dieser Hinsicht unmißverständlich: "Gott ist Geist; der Geist ist es, der lebendig macht" (Ermahnungen I, 5-6); "Der Buchstabe tötet; der Geist aber macht lebendig" (Ermahnungen VII); "Meine Worte sind Geist und Leben" (1. Brief an die Gläubigen, II, 21); "Auf göttliche Eingebung hin - d.h. inspiriert durch den Geist - habt ihr euch zu Töchtern und Dienerinnen des höchsten und größten Königs gemacht ..." (Regel Klara, VI, 3).

In der Einheit der Franziskanischen Familie
51. Die grundsätzliche Einheit der Franziskanischen Familie sollte wesentliches Kriterium der interfranziskanischen Ausbildung und Zusammenarbeit sein. Franziskus und seine Brüder fanden sich im Leben Klaras und ihrer Schwestern wieder, da sie alle sich entschieden hatten, gemäß dem Evangelium zu leben, dem Herrn und seiner Mutter zu folgen, das dreifaltige Leben zu teilen als Kinder des Vaters, Bräute des Geistes, Brüder, Schwestern und Mütter des Herrn. Dieses trinitarische Leben, von dem der Brief an die Gläubigen spricht, findet sich zugleich in voller Teilung des Weges der Vollkommenheit mit allen "büßenden" Laien, die Franziskus folgen wollen. Auf dieses einzige evangelische Leben, von allen gelebt, gründet sich also die Einheit der vielgestaltigen Franziskanischen Familie, die sich in einer wunderbaren Vielfalt von Strömungen und Verzweigungen entwickelt hat. In diesem Zusammenhang wird besondere und konkrete Aufmerksamkeit der Wiedereinführung einer intensiven gegenseitigen Beziehung zwischen Minderbrüdern und Klarissen gewidmet. Von deren Seite aus wird es gut sein, nachzuforschen, inwiefern Hilfe in der geistlichen Ausbildung von seiten der Minderbrüder möglich ist, in den Föderationen, in gemeinsamen Noviziaten, in Versammlungen usw. ...
Dies wäre keine paternalistische Vormundschaft von seiten der Brüder, sondern ein gegenseitiger Dienst in wahrer Minderheit und Brüderlichkeit, der die einen wie die anderen bereichert. Von seiten der Brüder müßte das Bemühen um die Förderung klarissanischer Berufungen ernst, überzeugt und ausdrücklich sein, sei es in spezifischem Sinn, sei es im Sinn von Angeboten zum unaufhörlichen Prozeß der Gleichberechtigung der Frau, im Zusammenhang mit dem Zeugnis Klaras, das sie zu ihrer Zeit zu diesem Problem gab, das heute so dringend ist. Und warum nicht den Informationsfluß und auch die Ausbildung von Brüdern durch Schwestern intensivieren, wie es Franziskus selbst tat seit Beginn seiner evangelischen Berufung? (vgl. Bonaventura, Leg.Mag. XII, 2).

Im Geist und Leben des Gebetes
52. Das Kapitel VII der Regel Klaras, wie das Kapitel V der bullierten Regel des Franziskus, fordern den absoluten Vorrang des Geistes des Gebetes über alle anderen Dinge, die in einem konkreten menschlichen Leben vorkommen können. Dies gilt für jedes engagierte christliche Leben, besonders aber für das kontemplative Leben als Stand der Weihe an Gott, der Liebe ist (Amore-Carita), in den sich die Kontemplativen immer mehr verlieben, dabei sind sie in der Mutter Kirche die Liebe (Amore). Man muß nun dem Geist Raum geben, damit er inspirieren, anregen, allem Leben geben kann, was man "macht": Vom Gebet bis zur Arbeit, dem Studium, aller Observanz im allgemeinen. So wird das Leben wirklich ein heiliges Wirken des Geistes: Jede Gegnerschaft von Arbeit und Gebet ist überwunden, alles wird treu und mit Hingabe getan, in voller Einheil des Lebens rings um das notwendige und absolute "unum", das Gott ist. Wahrheitskriterium und zugleich Voraussetzung für das Gebet ist für Klara die schwesterliche Liebe. Sie fordert bezeichnenderweise in Kapitel IX, daß die Schwester, die sich gegen die Liebe verfehlt hat, um Verzeihung bitten und sich versöhnen soll, bevor sie sich zum Gebet begibt. Die Liebe "macht alles wahr", wie es an anderer Stelle heißt: das Gebet, das Schweigen, die materielle Armut, die Bußübungen, die Klausur. Zu dieser Überzeugung müssen die Schwestern in jeder Phase ihres Ausbildungsweges herangeführt werden. Sie sollen sich mitverantwortlich und offen fühlen, auch für persönliche Initiativen.

Mit der Kraft und der Zärtlichkeit des Temperamentes Klaras
53. Die Magna Charta der Ausbildung findet sich aber in Kapitel X der Regel. Klara stellt hier den göttlichen Erzieher der Seelen vor: den Geist unseres Herrn Jesus Christus. Er selber ist es, der auf heilige Weise in uns sein armes, demütiges und gekreuzigtes Leben wirkt oder prägt, bis zur dreifalligen Einheil der gegenseitigen Liebe: das Band der Vollkommenheil, gipfelnd in der Feindesliebe, der nahen und der fernen. Diese Erziehung im Geist wird in dem Maße in uns Geist und Leben im Herrn, in dem unsere eigene egoistische Liebe abgetötet wird: Stolz, eitle Ruhmsucht, Neid, Ehrabschneidung, Murren, Verleumdung, Spaltung, Entzweiung usw. (vgl. Gal, 5). Klara vertieft noch den Text der Bullierten Regel X und offenbart dadurch ihre innere und radikale Absicht, das Profil einer Schwester von hohem geistlichen und gefestigten Niveau zu entwerfen. Eine Schwester, die dem Geist des Herrn tief geeint ist und Mut hat, auch harte Schwierigkeiten des menschlichen Weges zu ertragen, die durch Wechselfälle des Lebens und durch Menschen, einschließlich Brüdern und Schwestern, hervorgerufen werden. Der Druck, starke und mutige Charaktere herauszubilden, soll aber nicht jenen Sinn für das Heute ausblenden, der dazu führt, ständig auch Schwachen und Kranken zu begegnen.
Die Aufgabe der Ausbildung wird also sein, sich und andere gleichzeitig zu Kraft und zu Zärtlichkeit zu erziehen, besonders gegenüber den Schwächeren, worin Klara sich als Meistern erweist.
Es ist grundlegend, was sie bereits im VIII. Kapitel für die kranken Schwestern bestimmte: "Was die kranken Schwestern angeht, so soll die Äbtissin streng verpflichtet sein, in eigener Person und durch die anderen Schwestern sich sorgfältig zu erkundigen nach allem, was ihre Krankheit erfordert, sowohl an guten Ratschlägen als auch an Speisen und anderen notwendigen Dingen, und es nach Möglichkeit des Ortes liebevoll und barmherzig besorgen. Denn alle sind verpflichtet, ihre kranken Schwestern so zu versorgen und zu bedienen, wie sie selbst bedient sein möchten, wenn sie von irgendeiner Krankheit befallen sind" (Regel Klara V, 12-14).
Wenn man an die Zeit des Mittelalters denkt, wo oft das tägliche Brot wegen der häufigen Hungersnöte fehlte, und Krankheiten verbreitet waren, schätzt man noch mehr die Zärtlichkeit Klaras, die in realistischer Weise auf die elementaren Bedürfnisse aufmerksam war , wie es jede Mutter für ihre kleinen Kinder täte. Wie könne dies eine Mutter im Geiste nicht noch mehr tun, wenn sie auf Maria schaut? Eine abstrakte Liebe genügt nicht, auch wenn sie übernatürlich und heroisch ist; die Liebe muß die Konkretheit haben, sich für die materiellen Notwendigkeiten der Schwestern zu interessieren. Man muß zu lieben und zu nähren verstehen.

Mit der Weisheit des Herzens
54. Jede Ausbildung zielt vor allem auf die Herzensbildung, d.h. der Person in ihrer Tiefe, wo der Mensch aus Geist und Leben des Herrn den Sinn und die Kraft der Liebe, des Gebetes, des Gehorsams, der Armut, der Buße, der Keuschheit usw. schöpft. So wird man die Gefahr vermeiden, daß die Observanz mehr Frucht der Furcht als der Liebe sei, d.h. ein menschlicher und, alles in allem, egoistischer Respekt statt einer schenkenden und reinen Liebe, die aus einem ungeteilten Herzen hervorquillt.

Das Geheimnis der Klausur
55. Das "ungeteilte Herz" hat sein Umfeld der Entstehung und des Wachslums in der Gnade der Klausur. Klara hatte sich für immer in der Einsamkeit, in der stillen, armen und büßenden Abgeschiedenheit eingeschlossen, um im eigenen Herzen ihre bräutliche Liebe zu Christus leben zu können und ihr treu zu bleiben. Hier trägt sie wie Maria mütterlich in ihrem Herzen die ganze Kirche. Sie war klausuriert, insofern es notwendig war, um besser, intensiver und näher "dem Herrn zu leben". Klaras Klausur stellt jenen mystischen Ort vor Augen, von dem sie in dem schon zitieren Brief an Agnes spricht (3.Brief, 18 f). So besehen vermeidet die Klausur, die klar in marianischem Sinn personalisiert ist, die Gefahr, unter der Verfälschung der Wirklichkeit und der Intention Klaras etwas Beschranktes, Starres und rein Materielles darzustellen. Dies hätte zur Folge, daß die Klausur zwar dem Buchstaben nach besteht, doch Herzen einschlösse, die in viele kleine und große Leidenschaften geteilt sind. Das wahre Leben des Gebetes und der Hingabe, ja sogar die Einheil der gegenseitigen Liebe würde sich erschöpfen. Der Leib bliebe zwar in der Klausur , diese buchstäblich erfüllend, aber das Herz schweifte außerhalb umher.

In der alten Frische der Klausur
56. Alle Klarissen in der ganzen Well wünschen die größere Treue zu Klara. Deutliches Zeichen eines solchen Wunsches ist das verbreitete Streben, zur Lebensform oder Regel von 1253 zurückzukehren. Alle "Zweige" der großen Klarissenfamilie betrachten nunmehr mit Klugheit und Distanz die Gründe, die zu ihrer Zeit Spaltungen hervorriefen, dazu gehört auch eine Entfernung von der Regel. Alle wissen, daß die Regel aus dem Herzen Klaras hervorging, unter der Eingebung des Geistes des Herrn. Eine solche Rückkehr -nicht zum Buchstaben, sondern zum Geist, der lebendig macht! - darf in keiner Weise das Ende der Pluriformität und der Reformen bedeuten, die den großen Reichtum des Ideals Klaras darstellen und bewirken. Die liefen Änderungen der Zeitepochen, die Verschiedenheil der Kulturen und der Orte erfordern eine gesunde und entschiedene Erneuerung, in jener Unterschiedlichkeit von Formen, die vom einen Geist Zeugnis gibt, der alles in allen bewirkt (vgl. 1 Kor 12).
Ein grundlegender Weg der Einheil in gesunder und heiliger Vielgestaltigkeit in Fragen des Lebens findet sich in den neuen Konstitutionen, die vom Heiligen Stuhl approbiert wurden. Ihre aufrichtige und großherzige Observanz garantiert die wesentliche Treue zur Lebensform nach der Regel, die von Klara ererbt wurde.
Übrigens hat Klara selbst schon zu ihrer Zeit ein außerordentliches Unterscheidungsvermögen für Situationen und Personen erwiesen: sie autorisierte Änderungen sogar der Norm der Armut, die ihr so lieb war, indem sie z.B. zustimmte, ein kleines Stück Land zu besitzen, um eine gewisse "neutrale Zone zu kennzeichnen" zwischen Kloster und Welt (Regel Klara VI, 14 f). Was die Klausur selbst betrifft - ein Wort, das jedoch bei Klara fehlt - erweist sie sich als wirklich gemäßigt im Vergleich zu ihrer Zeit. Damit es "erlaubt ist, den Klosterbereich zu verlassen", fordert sie nur einen "nützlichen, begründeten, offenbaren und glaubhaften" Grund (Regel Klara II, 12). Ebenfalls zeigen die Normen über das leibliche Fasten (Regel Klara III, II) weise Mäßigung, wie auch die über langen Aufenthalt außerhalb des Klosters der Außenschwestern (Regel Klara IX, 12). Es ist verständlich, daß diese Anpassung an die Situation Vielgestaltigkeit des Lebens in unwesentlichen Dingen hervorrufen wird. Klara furchet das nicht. Sie weiß, wer vom Geist des Herrn geführt wird, wird nie den Sinn für das Wesentliche, dem man treu bleiben muß, verlieren.

Auf dem Weg in die Zukunft mit Unterscheidungsvermögen
57. Alle Klöster haben die Aufgabe, bei Berufungen verständig und mutig zu unterscheiden. Gaben, Fehler und Grenzen jeder Kandidatin werden aufmerksam gewertet; Grenzen und Fehler stehen unter der wachsamen und mütterlichen Kontrolle der Ausbilderinnen, damit sie nicht die Entwicklung und Reifung der Gaben hindern. Die Unterscheidung ist eine noch strengere Aufgabe für Klöster, denen Berufungen fehlen; die Angst um das Überleben macht oft die Prüfung der Bitten um Aufnahme in den Orden gefährlich oberflächlich. Die Zusammenarbeit der Klöster untereinander und vor allem die von der Kirche dringend angebotene Möglichkeit, Mitglied der Föderation zu werden, wird die nicht leichte Aufgabe der Unterscheidung der Berufungen erleichtern, weil dabei Personen und Mittel zur Verfügung stehen, die den Menschen und Problemen unserer Zeit angemessen sind.
Was die Treue zu Klara heute angeht, müssen wir noch konkrete Vorschläge für die Ausbildung anfügen, die gemäß Zeit, Ort und Region inkulturiert werden müssen, und zwar von den Verantwortlichen der Aus- und Weiterbildung. Da wir aber sowohl Paternalismus von der einen als auch Maternalismus von der anderen Seite vermeiden wollen, die unserer Zeit fremd sind, laden wir brüderlich jede Schwester, jedes Kloster und jede Föderation ein, immer besser das Leben nach dem Evangelium Gestalt annehmen zu lassen, im Geist der Zusammenarbeit, unter der Inspiration des Herrn und seiner und unserer Mutter, überall in der Kirche und in der Welt, allen zu Füßen, in der Nachfolge unseres Herrn Jesus Christus wie Maria der Jungfrau, zur Kirche gemacht.

58. Es sei uns gestattet, unter den wesentlichen evangelisch-franziskanisch-klarissianischen Werten lediglich die folgenden in Erinnerung zu bringen, die uns für die Ausbildung, Inspiration und Erneuerung in unserer Zeit besonders wichtig scheinen:
- die tiefe Gemeinschaft mit der Person Christi selbst in ihrem ganzen Ostermysterium, verankert im erlösenden Kreuz;
- eine gelebte Erfahrung in der bräutlichen und hochzeitlichen Liebe Marias, genährt von einem liturgisch-eucharistischen Leben und einem Geist persönlichen, kontemplativen Gebetes, das im armen, demütigen und stillen Umfeld des Klosters sorgsam gepflegt wird;
- die herzliche und zärtliche Übung der mehr schwesterlichen als mütterlichen, also "marianischen" Liebe (amore), in der Einheit der gegenseitigen Liebe (carità), dem Band der Vollkommenheit, vor allem gegenüber den Schwestern, die hilfsbedürftiger sind;
- das "Fühlen mit der Kirche", im klaren Bewußtsein, daß man wie Maria im Herzen der Kirche selbst lebt. Die aufrichtige Annahme der Anregungen der Erneuerung, die das Lehramt uns häufig gibt, ist konkretes Zeichen des Willens, den Weg mit der Kirche gehen zu wollen. Dieses besonders in Bezug auf die missionarische Aufgabe der Kirche, die ständig neue Horizonte eröffnet für die Verbreitung des kontemplativen Lebens in der Welt. Die "Richtlinien" der Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gemeinschaften des apostolischen Lebens für die Ausbildung in den Ordensinstituten und die Ausbildungsordnungen, die von diesem Dokument gefordert werden, welche die Föderationen oder einzelne Klöster erstellen sollen, bestätigen und lassen jenen Sinn für die Kirche erstarken, der in der heiligen Mutter Klara so lebendig war (5);
- die vorrangige Entscheidung für die Armen, von der Mutter Kirche selbst angesehen als ein Zeichen der Zeit und allen "Ordensleuten besonders empfohlen" (6);
- die Liebe zu "unserer Mutter Erde", der heute vom Menschen so sehr Gewalt angetan wird, die aber unsere Schwester und Herrin Klara so sehr verehrte: "... wenn diese heiligste Mutter die Schwestern aussandte, um von außerhalb des Klosters Nahrung zu beschaffen, ermahnte sie sie, sie sollen Gott loben, wenn sie schöne, blühende und dichtbelaubte Bäume sähen; und in ähnlicher Weise, wenn sie die Menschen und andere Geschöpfe sähen, sollten sie stets für alle und in allen Dingen Gott loben" (Heiligsprechungsprozeß XIV, 9);
- schließlich müssen wir immer entschiedener das Geheimnis unseres Lebens nach dem Evangelium entdecken, indem wir gleichsam die Herausforderung jenes deutlichen symbolischen Wortes "Knechte - Mägde" annehmen: als Mägde und Knechte sollen wir, allen untertan, mit Maria, der Magd des Herrn, dem Knecht Jahwes nachfolgen, der als Herr und Meister beim letzten Abendmahl die Füße wäscht (vgl. Joh 13, 13f). Diese Geste und dieses Geheimnis - das Klara so wirksam aktualisiert, indem sie den Schwestern die Füße wäscht- macht uns allen wieder neu das Einigende unserer Berufung bewußt, die Berufung als "Minder" - Brüder, als "Arme" Schwestern, als "büßende" Gläubige im Dienst der gesamten wiederversöhnten Schöpfung. Eine tiefe und vielgestaltige Bruderliebe, die offen ist für das universale Lob:

"Lobet und preiset den Herrn
Und erweiset ihm Dank
Und dient ihm in großer Demut"

(Sonnengesang, 14).

Schlußwort

Die "Lehre von Assisi"
59. Franziskus und Klara haben sich in gewisser Weise außerhalb der Welt gestellt, indem sie einen tiefen Bruch mit jener feudalen, klerikalen und monastischen Gesellschaft ihrer Zeit vollzogen, um ohne Macht und Eigentum zu leben, "ohne etwas Eigenes". Franziskus überall in der Welt allen untertan; Klara allen zu Füßen beim Herrn, in der Klausur von San Damiano. Beide im Dienst aller irgendwie Armen, in der Liebe, die Gott schenkt, im Geist und in der Nachfolge des menschgewordenen Wortes.
Von dieser radikalen Entscheidung Franziskus' und Klaras ergehen Anregungen nicht nur für die Klarissen, die Minderbrüder oder für die, welche "Buße tun" möchten in der Nachfolge des Franziskus, sondern für alle Christen.
Franziskus und Klara "allen untertan" sagen unserer Zeit die Dringlichkeit an, wieder zu einem wahren Willen universaler und kosmischer Bruderliebe zu gelangen und sich dazu wieder zu bekehren, befreit von jeder Art stolzer Selbstbestätigung.
Das prophetische Zeichen der Klausur selbst - das in Klara und den Schwestern eine charakteristisch wörtliche und unwiderrufliche Darbietung erfuhr - möchte den Christen heute aufrufen, die eigene objektive Bedürftigkeit zu erkennen, sich auf die Person und das Leben Christi zu konzentrieren, welche von erlösender Kraft sind, den Menschen befreien und fördern. Wenn Klara sich auf Christus "beschränkt", bedeutet dies die Gestaltwerdung der größtmöglichen Öffnung zum Menschen hin.
Der Aufforderung, die von der höchsten Armut Klaras und des Franziskus ausgeht, ist womöglich noch stärker. Nur eine Entmythologisierung der materiellen Güter - die in Klara und Franziskus radikal war - kann wirksam das Herz des Menschen für die Bedürfnisse der Brüder öffnen, nachdem das Gewissen und das Bewußtsein der tiefen Ungerechtigkeit der Bedingungen. unter denen ein großer Teil der Menschheit lebt, geweckt ist. Der Schritt vom Schauen und der Bewunderung der Armut Klaras und des Franziskus zur "Solidarität" ist natürlich. Dies wurde noch kürzlich in unser vielleicht abgestumpftes Gedächtnis zurückgerufen durch die Enzyklika "Sollicitudo rei socialis" (30.12.1987) Johannes Pauls II. Nur eine solche wirksame und globale Solidarität kann allen Christen die Rolle wiederverleihen, die heute vielleicht ebenfalls verdunkelt ist, Propheten Christi zu sein. "Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele" (Mt 20,28). "Der Geist des Herrn ruht auf mir ..., damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe" (Lk 4, 18).
"Dies ist die ständige Lehre von Assisi". Wir möchten wie zu Beginn an die Worte erinnern, die vom Heiligen Vater Johannes Paul II. mit Autorität verkündet wurden. Der Papst verkündete sie am unvergeßlichen Tag, am 27. Oktober 1986 in Assisi, beim Weltgebetstreffen der Vertreter aller Religionen.
"Dies ist die ständige Lehre von Assisi, es ist die Lehre des heiligen Franziskus, der ein für uns anziehendes Ideal gelebt hat; es ist die Le